Strategie & Regelwerk6 Min. LesezeitJohannes Granko

KI und das Einkommens-Depot: Wer weiterzahlt, wenn das Geld in Rechenzentren fließt

Kurz gesagt Rechenzentren könnten 2028 laut einer US-Studie bis zu 12 % des US-Stromverbrauchs ausmachen, 2023 waren es 4,4 %. In unserem Depot sind fünf von 20 Titeln am Ausbau beteiligt: ein Chip-Lieferant und vier Konzerne aus Energie und Immobilien. Die großen Tech-Konzerne selbst sind nicht darunter.

Ob sich künstliche Intelligenz durchsetzt, kann ich dir nicht sagen, und für dein Dividenden-Depot musst du es nicht wissen. Wichtiger ist, wer den Ausbau mit Schulden oder neuen Aktien bezahlt und wessen Dividende wackelt, falls der Bau stockt. Allein Microsoft investierte im Geschäftsjahr bis Juni 2026 rund 116 Mrd $, gut das Vierfache seiner Dividende.

Die Tech-Konzerne bezahlen ihre Rechenzentren bisher vor allem aus dem Mittelzufluss, dem Geld aus dem laufenden Geschäft, zunehmend auch mit Schulden (Teil 1). Frühere Bauwellen belohnten meist die Nutzer der fertigen Netze (Teil 2), und in den Produktivitätsdaten ist der Nutzen bisher nicht eindeutig zu sehen (Teil 3). Nach Teil 4 zum Arbeitsmarkt geht es heute ums Depot, Stand Ende September 2026.

Vier Gruppen entlang derselben Kette

GruppeWie das Geld fließtWoraus die Dividende kommtWenn der Bau stockt
Bauherren (Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta, Oracle)investieren ihren Mittelzufluss in RechenzentrenKerngeschäft; Dividende klein oder gar keineInvestitionen sinken, unterschriebene Mietverträge bleiben bestehen, teils unter Bedingungen
Lieferanten (Chips, Netzwerk, Kühlung)verkaufen an die BauherrenGeschäft, das mit dem Boom schwanktAufträge fallen, oft schnell
Infrastruktur (Energie, Immobilien)bauen Kraftwerke und Leitungen, vermieten GebäudeErträge aus behördlich genehmigten Preisen oder langen VerträgenVerträge laufen weiter, Wachstum wird knapper
Nutzer (alle, die KI einsetzen)kaufen Rechenleistung eineigenes Geschäftkaum betroffen, keine Baukosten

Die Einteilung ist meine vereinfachte Einschätzung. Weil die Bauherren gemessen an ihrer Bausumme wenig oder gar keine Dividende zahlen, sind fürs Einkommens-Depot vor allem Lieferanten und Infrastruktur zu prüfen.

Strom ist der Engpass

US-Rechenzentren verbrauchten 2023 rund 176 Terawattstunden (Milliarden Kilowattstunden), das waren 4,4 % des US-Stromverbrauchs. Für 2028 rechnet das Lawrence Berkeley National Laboratory mit 6,7 bis 12 %. Weltweit erwartet die Internationale Energieagentur von 2025 bis 2030 fast eine Verdopplung auf rund 950 Terawattstunden. Als Bremse nennt sie unter anderem langsame Netzanschlüsse.

Wie Versorger den Ausbau bezahlen, zeigt der US-Stromkonzern NextEra Energy aus unserem Depot. 2025 flossen ihm aus dem laufenden Geschäft 12,5 Mrd $ zu, die Dividende kostete 4,7 Mrd $. Investiert hat er 24,6 Mrd $, nach meiner Rechnung blieb eine Lücke von knapp 17 Mrd $. Sie wurde vor allem mit neuen langfristigen Schulden geschlossen, netto rund 13 Mrd $; neue Aktien brachten rund 2 Mrd $.

Im März 2026 gab NextEra für 2,3 Mrd $ Equity Units aus, deren Käufer 2029 neue Aktien abnehmen müssen. Jede neue Aktie verteilt den Gewinn auf mehr Köpfe: Wächst die Dividendensumme um 5 % und die Zahl der Aktien um 2 %, kommen je Aktie nur rund 3 % mehr an. NextEra hat die Dividende je Aktie 2026 um 10 % erhöht und plant für 2027 und 2028 rund 6 % im Jahr.

Der kanadische Pipeline- und Energiekonzern Enbridge erhöhte die Dividende für 2026 zum 31. Mal in Folge, um 3 % auf 3,88 kanadische Dollar je Aktie. Nach meiner Rechnung sind das rund zwei Drittel des ausschüttbaren Mittelzuflusses, den Enbridge für 2026 je Aktie erwartet, also des Geldes nach dem Erhalt der Anlagen. Am Boom hängt der Konzern unter anderem über Wind- und Solarparks, deren Strom einer der Bauherren langfristig abnimmt.

Was davon in unserem Depot steckt

Direkt an der Kette hängen fünf unserer 20 Titel, Broadcom als Lieferant (Deep Dive Broadcom) und vier aus der Infrastruktur: NextEra und Enbridge (Energie), Realty Income und Prologis (Immobilien). Air Products hängt als Gaslieferant der Chiphersteller indirekt dran, die übrigen vierzehn gehören im weitesten Sinn zu den Nutzern.

Bei Broadcom stammten im dritten Geschäftsquartal bis Anfang August 2026 laut Unternehmen 16,7 von 29,6 Mrd $ Umsatz aus KI-Chips. Die Dividende kostete in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 29 % des freien Mittelzuflusses, also des Geldes nach den Investitionen in Sachanlagen. Zudem bürgt Broadcom mit höchstens rund 29 Mrd $ für die Rechner-Miete eines KI-Kunden und würde ihm dafür bis zu 42 Mrd $ über Wandelanleihen leihen; bis Anfang August floss nichts.

Realty Income bezog Ende Juni 2026 rund 0,5 % seiner Jahresmiete aus Rechenzentren, will sich aber mit bis zu 1,4 Mrd $ an drei weiteren in Nord-Virginia beteiligen und hat das erste übernommen (Deep Dive Realty Income). Seine Dividende beanspruchte im ersten Halbjahr 2026 rund 73 % des AFFO, also des Mittelzuflusses nach dem Erhalt der Immobilien. Prologis baut Rechenzentren auf eigenem Grund.

Auf unserem Risiko-Radar, der Dividenden laufend auf Warnzeichen prüft, standen Ende September Broadcom, NextEra, Enbridge, Prologis und Realty Income auf „Ruhig“, Air Products auf „Beobachten“, der zweiten von vier Stufen.

Welche Regeln greifen

Unser Regelwerk begrenzt, wie viel vom Depot an einer Kette hängt: Technologie höchstens 20 % des Depotwerts, jeder Sektor nach der Börsen-Einteilung GICS 25 %, jede Branche zwei Titel, jeder Einzeltitel 10 %. Die vier Infrastruktur-Titel haben zusätzlich einen gemeinsamen Deckel, weil steigende Zinsen sie besonders drücken. Die Zahlen dazu stehen im Premium-Beitrag Depot im Detail.

Ob die Dividende verdient ist, messen wir am Gewinn, bei Immobiliengesellschaften und Pipelines am Mittelzufluss nach dem Erhalt der Anlagen. Bei Industrie- und Technologiekonzernen dient der freie Mittelzufluss als Gegenprobe.

Und in der Breite?

Im S&P 500, dem Index der großen US-Konzerne, stieg die Dividende je Indexanteil 2025 um 5,5 % auf einen Rekord. In der festen Gruppe aus Teil 1, 764 Dividendenzahlern, beanspruchte die Dividende bei Firmen mit positivem freiem Mittelzufluss 2025 im Median 30 % davon, 2021 waren es 27 %.

Was du bei deinen eigenen Titeln prüfen kannst

Hältst du selbst Titel aus dieser Kette, prüf die Dividende zuerst auf der passenden Basis. Reicht der freie Mittelzufluss im Ausbau nicht, zeigt die Kapitalflussrechnung im Geschäftsbericht, die Aufstellung aller Geldflüsse, woher der Rest kommt. Bleibt die Frage, wie stark der Umsatz am Bau hängt: Ein Lieferant mit wenigen Großkunden trägt ein anderes Risiko als ein Versorger mit Millionen Haushalten.

Zum Mitnehmen

Am belastbarsten ist eine Dividende aus einem Mittelzufluss, der nicht vom nächsten Bauabschnitt abhängt, bei einem Unternehmen, das seinen Ausbau nicht dauerhaft mit neuen Aktien bezahlen muss. Ob KI den versprochenen Nutzen bringt oder erst, nachdem der Hype geplatzt ist, war eine Leitfrage dieser Serie; zwei Nachträge am 11. und 18. November gehen ihr weiter nach. Fürs Depot muss das niemand erraten, solange die Dividende in beiden Fällen gedeckt ist. Wie eine Immobiliengesellschaft Rechenzentren baut und warum ihre Dividende 2025 je nach Rechnung 70 oder 89 % des Mittelzuflusses beanspruchte, steht im Premium-Beitrag Deep Dive Prologis.

Quellen (Stand Ende September 2026)

  • Lawrence Berkeley National Laboratory (Shehabi u. a.), 2024 United States Data Center Energy Usage Report, Dezember 2024 (2023: 176 TWh, 4,4 %; 2028: 6,7 bis 12,0 %)
  • Internationale Energieagentur, Key Questions on Energy and AI, April 2026 (2025: 485 TWh; 2030: rund 950 TWh)
  • NextEra Energy, Form 10-K 2025 (Mio $: Mittelzufluss 12.485, Investitionen 24.606, Dividenden 4.680, langfristige Schulden netto 13.047, Aktienausgabe 2.038), 10-Q Q2 2026 (Quartalsdividende 0,6232 nach 0,5665 $; Equity Units 2,3 Mrd $), 8-K vom 08.12.2025 (Dividendenziel 2027/28), bestätigt im 8-K vom 18.05.2026
  • Enbridge, Form 8-K vom 03.12.2025 (Dividende 3,88, ausschüttbarer Mittelzufluss 5,70 bis 6,10 kanadische Dollar je Aktie) und 31.07.2026, Anlage 99.1 (Ausblick bestätigt; über 1,4 GW Wind und Solar für Meta)
  • Microsoft, Form 10-K zum 30.06.2026 (Mio $: Dividenden 26.445, Investitionen 115.948; noch nicht begonnene Mietverträge 329,1 Mrd $, teils unter Bedingungen); Meta, Form 10-Q zum 30.06.2026 (noch nicht begonnene Mietverträge 278,99 Mrd $)
  • Broadcom, Form 8-K vom 02.09.2026 (Anlage 99.1) und 10-Q zum 02.08.2026 (neun Monate, Mio $: freier Mittelzufluss 31.937, Dividenden 9.281; drittes Quartal: Umsatz 29.591, davon KI-Chips 16,7 Mrd $; Bürgschaft höchstens rund 29 Mrd $, Wandelanleihen bis 42 Mrd $, nichts geflossen)
  • Realty Income, Form 10-Q Q2 2026 (bis zu 1,4 Mrd $ für 45 %, erstes Objekt übernommen; Rechenzentren 25,0 von 5.280,4 Mio $ Jahresmiete) und 8-K vom 05.08.2026, Anlage 99.1 (erstes Halbjahr 2026 je Aktie: AFFO 2,22 $, gezahlte Dividenden 1,6215 $)
  • Prologis, Form 8-K vom 21.01.2026, Anlage 99.1 (2025, Mio $: Core FFO 5.561, AFFO 4.335, Dividenden und Ausschüttungen 3.866); Form 10-Q zum 30.06.2026 (Rechenzentren in Entwicklung: 2,5 Mrd $ geplante Gesamtkosten)
  • Air Products, Form 10-K zum 30.09.2025 (Kundenschwerpunkte Raffinerien, Chemie, Elektronik)
  • S&P Dow Jones Indices, Mitteilung vom 07.01.2026 (Dividende 2025: 78,92 $ je Indexanteil, plus 5,5 %)
  • Eigene Messung aus Teil 1 mit SEC-Daten, abgefragt am 28.09.2026 (Dividende zu operativem Mittelzufluss minus Sachinvestitionen, Median bei positivem Wert: 30 % 2025, 27 % 2021)

Hinweis Keine Anlageberatung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Alle Kennzahlen Stand Ende September 2026. Es besteht keine Vergütung durch Dritte. Der Autor hält Broadcom, NextEra Energy, Enbridge, Realty Income, Prologis und Air Products im eigenen Depot. Außer über den laufenden Sparplan, der jeden Monat am 7. ausgeführt wird, handelt er diese Titel frühestens 72 Stunden nach Erscheinen dieses Beitrags. Der Autor ist unternehmerisch in einer immobiliennahen Branche tätig; Details auf Transparenz. Details: Disclaimer & Risikohinweis.

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