Strategie & Regelwerk6 Min. LesezeitJohannes Granko

Die Produktivitätslücke: Was KI bisher messbar bringt, und was nicht

Kurz gesagt Die US-Produktivität wächst seit Ende 2019 um 2,1 % im Jahr, so schnell wie im Schnitt seit 1947, also ohne erkennbaren KI-Schub. Einzelstudien messen KI-Effekte in beide Richtungen: im Kundendienst 15 % mehr gelöste Fälle je Stunde, bei 16 erfahrenen Programmierern 19 % mehr Zeit (Werkzeugstand Anfang 2025). Für Dividenden zählt, ob ein Unternehmen die gesparte Zeit in Gewinn verwandeln kann.

Wenn KI die Arbeit schneller macht, müsste sich das an der Arbeitsproduktivität zeigen, also an der Wirtschaftsleistung je Arbeitsstunde. In den USA wächst sie seit Ende 2019 um 2,1 % im Jahr, so schnell wie im Schnitt seit 1947. Teil 2 dieser Serie hat gezeigt, dass die verlässlichen Dividenden früherer Infrastrukturwellen aus der Nutzung der Netze kamen. Heute prüfe ich, ob sich die KI-Nutzung schon in den Daten zeigt.

Ein Satz von 1987 und die lange Leitung der Fabriken

Im Juli 1987 schrieb der Ökonom Robert Solow sinngemäß, das Computerzeitalter sehe man überall, nur nicht in der Produktivitätsstatistik. Seither heißt diese Lücke Solow-Paradox.

1990 zeigte der Wirtschaftshistoriker Paul David, dass es beim Strom genauso lief. 1899 stellten Elektromotoren in amerikanischen Fabriken weniger als 5 % der Antriebsleistung, gut die Hälfte erst Anfang der 1920er-Jahre, vier Jahrzehnte nach dem ersten öffentlichen Kraftwerk. Erst dann zeigte sich der Strom in der Produktivität der Industrie.

In den alten Fabriken trieb eine zentrale Dampfmaschine über lange Wellen und Treibriemen alle Maschinen an. Beim Umrüsten kamen Elektromotoren meist nur dazu, weil sich der Ersatz funktionierender Anlagen nicht lohnte. Den Sprung brachten neue Werke, in denen jede Maschine ihren eigenen Motor hatte und die Hallen dem Arbeitsablauf folgten.

Was die amtlichen Zahlen zeigen

Die jüngste Produktivitätsmeldung der US-Arbeitsstatistikbehörde BLS stammt vom 3. September 2026. Die Behörde rechnet von Konjunkturhoch zu Konjunkturhoch. Seit dem Hoch vor der Pandemie Ende 2019 sind es 2,1 % im Jahr, spürbar mehr als die 1,5 % von 2007 bis 2019.

Je Arbeitsstunde, Veränderung zum VorjahrUSA (Unternehmen ohne Landwirtschaft)Deutschland (alle Wirtschaftsbereiche, Stand 25. August)
2023+2,1 %−1,2 %
2024+3,0 %−0,3 %
2025+2,1 %+1,1 %
2. Quartal 2026+2,2 %+1,5 %

Das deutsche Plus 2025 entstand bei nur 0,2 % Wirtschaftswachstum, vor allem durch 0,8 % weniger Arbeitsstunden.

Einen KI-Effekt sieht man keiner dieser Zahlen an. Die ersten Jahre des US-Zyklus verzerrt die Pandemie, und KI-Chatbots gibt es für die breite Masse erst seit Ende 2022.

Wo die Wirkung schon messbar ist

Klarer wird das Bild in Studien, in denen nur ein Teil der Beschäftigten KI-Hilfe bekommt.

StudieWer, wasErgebnis mit KIGrenze
Brynjolfsson u. a., Quarterly Journal of Economics 20255.172 Kundendienst-Mitarbeiter eines US-Softwareanbieters15 % mehr gelöste Fälle je Stunde, bei Neulingen und weniger Qualifizierten 30 %ein Unternehmen, meist Support von den Philippinen aus, Einführung 2020/21; die Besten kaum schneller, ihre Qualität leicht schlechter
Noy, Zhang, Science 2023453 Berufstätige mit Hochschulabschluss, berufsnahe Schreibaufgaben online40 % weniger Zeit, Qualität 18 % besser bewertetVersuch Anfang 2023, kurze Aufgaben ohne Firmenwissen
Dell'Acqua u. a., Organization Science 2026758 Berater einer internationalen Unternehmensberatungbei Aufgaben, die die KI gut beherrscht, 25,1 % schneller und 32 % bessere Qualität; jenseits ihrer Stärken je nach KI-Gruppe 60 bzw. 70,6 % richtige Lösungen, ohne KI 84,5 %eine Firma, Werkzeugstand 2023
Becker u. a., Arbeitspapier Juli 202516 erfahrene Programmierer frei verfügbarer Software, 246 Aufgaben in vertrauten Projekten19 % mehr Zeitsehr kleine Stichprobe, Werkzeugstand Anfang 2025

Das Muster: Am meisten bringt KI Einsteigern und bei Standardtexten. Könner in komplexer, vertrauter Arbeit gewinnen wenig oder verlieren Zeit, und jenseits der Stärken des Werkzeugs kann das Ergebnis leiden, obwohl die Aufgabe nicht schwerer wirkt.

Besonders beschäftigt mich die Entwicklerstudie. Vorher erwarteten die Teilnehmer 24 % Zeitersparnis, hinterher glaubten sie, 20 % gespart zu haben. Gemessen war das Gegenteil. Eine Folgemessung vom Februar 2026 deutet auf Zeitgewinne hin, deren Größe aber kaum abzulesen ist, weil gerade Entwickler, die nicht mehr ohne KI arbeiten wollten, nicht mitmachten oder Aufgaben zurückhielten. Die Autoren halten den gemessenen Gewinn deshalb eher für zu niedrig.

Wie weit die Nutzung reicht

In der Firmenumfrage des US-Statistikamts vom 8. Oktober gaben 23,8 % der Firmen ab einem Beschäftigten an, in den zwei Wochen bis zum 20. September KI genutzt zu haben. In Deutschland nutzten 2025 laut Statistischem Bundesamt 26 % der Unternehmen ab zehn Beschäftigten KI. Beide Umfragen zählen nur, ob eine Firma KI überhaupt nutzt, gleich ob für E-Mail-Entwürfe oder eine umgebaute Auftragsbearbeitung.

Die Schätzungen liegen weit auseinander

Wie groß der Effekt einmal wird, schätzen Forscher mit Modellen, meist für die Gesamtfaktorproduktivität: das Wachstum, das übrig bleibt, wenn man mehr Arbeitsstunden und mehr Maschinen herausrechnet. Acemoglu (2025) kommt für die USA auf höchstens 0,66 % mehr in zehn Jahren, rund 0,06 Prozentpunkte im Jahr. Ein OECD-Papier (2024) nennt für die USA 0,25 bis 0,6 Prozentpunkte pro Jahr. Aghion und Bunel (2024) kommen mit Acemoglus Rechenweg auf 0,07 bis 1,24 Prozentpunkte, im Basisszenario auf 0,68.

Warum die Kurve erst nach unten zeigt

Brynjolfsson, Rock und Syverson (2021) beschreiben eine Produktivitäts-J-Kurve: erst ein Knick nach unten, dann ein langer Anstieg. Stell dir vor, ein Pflegeheim führt eine neue Dokumentationssoftware ein. Monatelang gehen Stunden in Schulung, ohne dass mehr Bewohner versorgt werden. Das aufgebaute Können erfasst keine Statistik, also wirkt die Produktivität erst gesunken und später, wenn das Team schneller arbeitet, zu hoch. Rechnen die Autoren solches unsichtbare Kapital rund um Computer und Software ein, lag die Gesamtfaktorproduktivität in den USA Ende 2017 um 15,9 % über dem amtlichen Wert.

Zum Mitnehmen

In den amtlichen Zahlen ist KI, Stand Ende September 2026, noch nicht zu sehen. Beim Strom dauerte das vier Jahrzehnte. Nach der Einteilung aus Teil 2 kam sein Produktivitätsschub noch im Börsenrausch der Zwanziger, vor dem Zusammenbruch der Strom-Holdings.

Dividenden werden aus Gewinnen bezahlt, und Produktivität wird nur zu Gewinn, wenn ein Unternehmen den Vorteil behalten kann. Das gelingt Firmen mit Preismacht, deren Kunden auch bleiben, wenn die Preise nicht sinken. Wer im harten Preiswettbewerb steht, reicht den Vorteil über niedrigere Preise weiter. Für die Dividendenfrage sagt deshalb die Marge der KI-Nutzer, also der Anteil vom Umsatz, der als Gewinn übrig bleibt, mehr als der Umsatz der KI-Anbieter. Was KI für Beschäftigte bedeutet, ist das Thema von Teil 4 am Mittwoch, 28. Oktober.

Die Entwicklerstudie mahnt mich, eigene Werkzeuge nachzumessen. Wie ich mein Frühwarnsystem für Dividendenkürzungen gegen zwölf Jahre Daten geprüft und das Ergebnis veröffentlicht habe, obwohl es in weiten Teilen gegen das System ausfiel, steht im Premium-Beitrag Der Rückwärtstest, der gegen mein eigenes Produkt spricht.

Quellen

  • Solow: „We'd Better Watch Out“, New York Times Book Review, 12.07.1987, S. 36
  • David: „The Dynamo and the Computer“, AER 80(2), 1990, S. 355–361 (Elektromotoren 1899 unter 5 % der Antriebsleistung, Anfang der 1920er gut die Hälfte)
  • Perez: „Capitalism, Technology and a Green Global Golden Age“, BTTR Working Paper 2016-1 (Rausch der US-Zwanziger, darunter Elektrizität)
  • BLS: Productivity and Costs, 2. Quartal 2026, USDL 26-1434 vom 03.09.2026 (2,2 % zum Vorjahresquartal; 2,1 % seit 4. Quartal 2019, 1,5 % 2007–2019, 2,1 % seit 1947); Jahresraten 2023–2025 aus labor-productivity-major-sectors.xlsx, gleicher Stand
  • Statistisches Bundesamt: „Arbeitsproduktivität, Durchschnittslöhne und Lohnstückkosten nach Wirtschaftsbereichen, Stundenkonzept“, Stand 25.08.2026 (2023: −1,2 %, 2024: −0,3 %, 2025: +1,1 %); Pressemitteilung Nr. 303 vom 25.08.2026 (BIP 2025 +0,2 %, Produktivität 2. Quartal 2026 +1,5 %); IAB-Arbeitszeitrechnung, Stand August 2026 (Arbeitsvolumen der Erwerbstätigen 2025: −0,8 %)
  • Brynjolfsson, Li, Raymond: „Generative AI at Work“, QJE 140(2), 2025, S. 889–942 (5.172 Beschäftigte, 89 % außerhalb der USA; +15 %, bei weniger Erfahrenen und Qualifizierten +30 %)
  • Noy, Zhang: „Experimental evidence on the productivity effects of generative artificial intelligence“, Science 381(6654), 2023, S. 187–192 (453 Teilnehmer, −40 % Zeit, +18 % Qualität; Versuch 27.01.–24.02.2023 laut AEA-Register); Arbeitspapier 02.03.2023, S. 11–12
  • Dell'Acqua u. a.: „Navigating the Jagged Technological Frontier“, Organization Science 37(2), 2026, S. 403–423 (758 Teilnehmer; 25,1 % schneller, 32 % bessere Qualität; 84,5 % gegenüber 60 und 70,6 %; Sprachmodell-Chatbot allgemein verfügbar seit November 2022)
  • Becker, Rush, Barnes, Rein (METR): „Measuring the Impact of Early-2025 AI on Experienced Open-Source Developer Productivity“, arXiv 2507.09089, Juli 2025 (16 Entwickler, 246 Aufgaben, +19 % Zeit); METR: „We are Changing our Developer Productivity Experiment Design“, 24.02.2026
  • Acemoglu: „The Simple Macroeconomics of AI“, Economic Policy 40(121), 2025, S. 13–58, zuvor NBER Working Paper 32487, S. 4 (USA; höchstens 0,66 % TFP in zehn Jahren, rund 0,064 Prozentpunkte jährlich); Filippucci, Gal, Schief: „Miracle or Myth?“, OECD Artificial Intelligence Papers Nr. 29, November 2024 (USA 0,25–0,6 Prozentpunkte TFP jährlich); Aghion, Bunel: „AI and Growth: Where Do We Stand?“, Note, Fed San Francisco, Juni 2024 (Spanne 0,07–1,24, Basisszenario 0,68 Prozentpunkte TFP jährlich); Brynjolfsson, Rock, Syverson: „The Productivity J-Curve“, AEJ: Macroeconomics 13(1), 2021, S. 333–372 (USA, 15,9 %)
  • U.S. Census Bureau: Business Trends and Outlook Survey, Frage 7, Ausgabe vom 08.10.2026 (23,8 %, Bezugszeitraum 07.09.–20.09.2026); Statistisches Bundesamt: KI-Nutzung in Unternehmen, Stand 24.11.2025 (2025: 26 %), abgeglichen mit Eurostat

Hinweis Keine Anlageberatung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Dieser Beitrag ordnet veröffentlichte Statistiken und Studien ein, Stand Ende September 2026. Amtliche Produktivitätszahlen werden regelmäßig überarbeitet. Es besteht keine Vergütung durch Dritte. Details: Disclaimer & Risikohinweis.

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