Wer bezahlt den Boom? Was die KI-Milliarden der Großen mit ihren Ausschüttungen machen

07.10.2026 · Kategorie: Strategie & Regelwerk

⏱ Kurz gesagt: Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta und Oracle haben im letzten Geschäftsjahr zusammen 464,6 Mrd $ investiert, dreimal so viel wie 2022. Bezahlt haben sie das bisher vor allem aus dem laufenden Geschäft und mit Geld, das früher in Aktienrückkäufe floss. Die Dividenden stiegen sogar, obwohl das Geld nach den Investitionen bei Oracle und im ersten Halbjahr 2026 bei Alphabet nicht dafür reichte. Dazu kommen Mietverträge über gut 1,1 Billionen $ (Stand Mitte 2026), die erst noch beginnen, und neue Anleihen.

Von jedem Dollar, der bei Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta und Oracle im letzten Geschäftsjahr (Abschluss Dezember 2025 bis Juni 2026) aus dem laufenden Geschäft hereinkam, flossen 73 Cent in Gebäude und Technik. 2022 waren es 54 Cent. Was bleibt da für die Aktionäre? In dieser Serie frage ich, was ein Investitionsboom rund um künstliche Intelligenz mit Dividenden macht, auch mit denen in deinem Depot.

Der Geldfluss der fünf größten Bauherren

Die Zahlen stammen aus den Jahresberichten, bei Microsoft und Oracle mit abweichendem Geschäftsjahr (GJ). Operativer Mittelzufluss, also was aus dem laufenden Geschäft hereinkommt, minus Investitionen ergibt den freien Mittelzufluss, aus dem Dividenden und Aktienrückkäufe bezahlt werden können. Ein Minus heißt, dass mehr investiert wurde, als hereinkam. Beim Rückkauf erwirbt der Konzern eigene Aktien, jede verbleibende steht danach für ein etwas größeres Stück des Unternehmens.

Mrd $Operativer MittelzuflussInvestitionenFreier MittelzuflussDividendenRückkäufe
Microsoft, GJ bis 06/202289,023,965,118,132,7
Microsoft, GJ bis 06/2025136,264,671,624,118,4
Microsoft, GJ bis 06/2026182,9115,967,026,422,3
Alphabet, 202291,531,560,0059,3
Alphabet, 2024125,352,572,87,462,2
Alphabet, 2025164,791,473,310,045,7
Amazon, 202246,863,6−16,906,0
Amazon, 2024115,983,032,900
Amazon, 2025139,5131,87,700
Meta, 202250,531,219,3028,0
Meta, 202491,337,354,15,130,1
Meta, 2025115,869,746,15,326,2
Oracle, GJ bis 05/20229,54,55,03,516,2
Oracle, GJ bis 05/202520,821,2−0,44,70,6
Oracle, GJ bis 05/202632,055,7−23,75,80,1

Investitionen heißt hier: bezahlte Anlagen wie Gebäude und Server. Über langfristige Leasingverträge beschaffte Anlagen (Finanzierungsleasing) fehlen: im letzten GJ bei Microsoft 24,6 Mrd $, bei den anderen je 0,6 bis 4,9 Mrd $. Seit 2022 sanken die Rückkäufe der fünf von 142,2 auf 94,3 Mrd $, die Dividenden stiegen von 21,6 auf 47,6 Mrd $.

Die Reihenfolge, in der das Geld fließt

Warum trifft es zuerst die Rückkäufe? In einer Befragung von 384 Finanzverantwortlichen in den USA und Kanada aus dem Frühjahr 2002 (Brav, Graham, Harvey und Michaely) steht das Halten der Dividende auf einer Stufe mit den Investitionen. Gekürzt wird sie nur sehr ungern. Rückkäufe gelten als beweglicher und kommen aus dem, was danach übrig bleibt.

Im ersten Halbjahr 2026 haben Alphabet und Meta keine eigenen Aktien mehr zurückgekauft, nach 28,3 und 22,9 Mrd $ ein Jahr zuvor. Die Dividenden liefen mit 5,2 und 2,7 Mrd $ weiter.

Zwei neue Dividendenzahler mitten im Bau

Meta beschloss seine erste Dividende am 1. Februar 2024, Alphabet am 25. April 2024; Amazon zahlt keine. Gemessen an der Bausumme sind die Ausschüttungen klein: 2025 entsprachen sie bei Alphabet 11 % und bei Meta 8 % der Investitionen.

Für 2026 plant Alphabet laut seiner Finanzchefin (22. Juli) Investitionen von 195 bis 205 Mrd $, mehr als doppelt so viel wie 2025. Im ersten Halbjahr 2026 blieben nach den Investitionen 4,3 Mrd $ freier Mittelzufluss, die Dividenden von 5,2 Mrd $ flossen trotzdem. Im Juni gab Alphabet für netto 49,6 Mrd $ neue Aktien aus, nach eigener Angabe auch für KI-Infrastruktur. Der Gewinn verteilt sich damit künftig auf mehr Aktien.

Wenn der eigene Mittelzufluss nicht reicht

Bei Oracle ist dieser Punkt erreicht. Im Geschäftsjahr bis Mai 2026 fehlten nach den Investitionen 23,7 Mrd $, obendrauf kam die Dividende von 5,8 Mrd $. Im selben Jahr nahm Oracle nach eigener Angabe 43 Mrd $ Schulden und 5 Mrd $ Eigenkapital auf. Seine Anleiheprospekte nennen Dividenden und Rückkäufe unter den allgemeinen Verwendungszwecken. Welcher Dollar in die Dividende floss, lässt sich nicht zuordnen.

Mrd $Größte Anleihe (geliehenes Geld) seit Herbst 2025Weitere FinanzierungMietverträge, noch nicht begonnen
MicrosoftkeineFinanzierungsleasing329,1
Alphabet25,0 (08/2026)neue Aktien, teils mit Pflichtumwandlung, netto 49,685,2
Amazon37,0 (03/2026)Anleihen in vier Währungen137,2
Meta30,0 (10/2025)Gemeinschaftsfirma mit Restwertgarantie279,0
Oracle25,0 (02/2026)neue Aktien über die Börse, netto 19,9 (06 bis 08/2026)288

Die letzte Spalte zeigt unterschriebene Miet- und Leasingverträge, überwiegend für Rechenzentren, die erst mit der Übergabe der Gebäude beginnen. Zusammen sind das gut 1,1 Billionen $ (Stand 30.06.2026, Oracle 31.08.2026, Amazon ohne Aufschlüsselung), zahlbar über teils bis zu 30 Jahre und noch nicht in den Bilanzen. Meta legte im Juli rund 68 Mrd $ nach.

An der Gemeinschaftsfirma für einen Rechenzentrums-Campus in Louisiana hält Meta 20 % und bilanziert nur die Beteiligung. Verlängert Meta die zunächst vierjährigen Mietverträge nicht oder kündigt sie, muss der Konzern unter Umständen die Lücke zum garantierten Restwert von anfangs rund 28 Mrd $ ausgleichen.

Auf der anderen Seite solcher Verträge stehen Vermieter, darunter inzwischen klassische Dividendenzahler: Realty Income (Deep Dive vom 27. September) kündigte im Juni 2026 an, sich an drei Rechenzentren in Nord-Virginia zu beteiligen.

Was die Masse der Dividendenzahler schreibt

Betrifft das nur fünf Konzerne oder alle? Dazu habe ich über die Volltextsuche der US-Börsenaufsicht SEC gezählt, wie viele Unternehmen in ihrem Jahresbericht (Formular 10-K, eingereicht jeweils vom 1. Januar bis 27. September) „artificial intelligence“ oder „generative AI“ schreiben. Als Dividendenzahler gilt, wer laut SEC-Finanzdaten im Vorjahr ausgeschüttet hat.

Anteil mit KI-Nennung20222023202420252026
Dividendenzahler12,5 %15,2 %45,5 %67,5 %85,7 %
alle mit 10-K14,0 %16,1 %35,4 %50,1 %61,6 %

2026 sind das 1.387 von 1.619 Dividendenzahlern. Eine Erwähnung heißt noch nicht, dass investiert wird, oft steckt ein Risikohinweis dahinter. 2022 berichteten die meisten noch über 2021, die Zeit vor den ersten großen KI-Chatprogrammen.

Wo der Investitionsschub sitzt

Ob die vielen auch mehr bauen, zeigt eine feste Gruppe: 764 Dividendenzahler bei der SEC (darunter 16 ausländische), die für 2021 wie für 2025 Dividende und Investitionen bei positivem operativem Mittelzufluss gemeldet haben. Wer Investitionen unter einem anderen Posten meldet, etwa einige große Stromversorger, fehlt ebenso wie Alphabet, Amazon und Meta, die 2021 keine Dividende zahlten. In der Summe stieg der Investitionsanteil am operativen Mittelzufluss von 24 auf 34 %, beim typischen Unternehmen (Median) nur von 15 auf 18 %.

In dieser Gruppe treiben wenige Riesen die Summe: Vom Zuwachs der Investitionen um 212 Mrd $ entfallen 95 Mrd $ auf Oracle und Microsoft. Ob eine Firma im Jahresbericht 2026 KI nennt, macht beim Investitionswachstum keinen verlässlichen Unterschied. Bei Firmen mit positivem freiem Mittelzufluss beanspruchte die Dividende 2025 im Median 30 % davon, 2021 waren es 27 %.

Zum Mitnehmen

Wer bezahlt also den Boom? Bisher vor allem das laufende Geschäft, auf Kosten der Rückkäufe, und zunehmend Geldgeber von außen. Die Dividenden sind unangetastet, bei Oracle und zuletzt Alphabet aber nicht aus dem freien Mittelzufluss gedeckt. Bei der breiten Masse stieg der Investitionsanteil im Median nur leicht.

Unser Regelwerk misst die Dividende von Industrie- und Technologiekonzernen am Gewinn, mit dem freien Mittelzufluss als Gegenprobe. Bei Immobiliengesellschaften gilt ein eigener Maßstab, der die Abschreibungen auf Gebäude herausrechnet. Hellhörig solltest du werden, wenn eine Ausschüttung über Jahre mehr kostet, als an freiem Mittelzufluss da ist, und die Lücke dauerhaft mit neuen Krediten geschlossen wird. Ob sich solche Wellen für die Geldgeber je gelohnt haben, klärt Teil 2 am Mittwoch, 14. Oktober. Die Lieferantenseite des Booms beleuchtet der Premium-Beitrag Deep Dive Broadcom.

Quellen (Stand Ende September 2026):

  • 10-K: Microsoft zum 30.06.2026 (Mietverträge 329,1 Mrd $), Alphabet, Amazon und Meta zum 31.12.2025, Oracle zum 31.05.2026 sowie die Vorjahre (Meta 2022 laut 10-K 2024); freier Mittelzufluss eigene Rechnung aus ungerundeten Werten (Amazon, Meta grenzen anders ab)
  • 10-Q zum 30.06.2026, Oracle zum 31.08.2026: Halbjahreswerte, Mietverträge, Aktienausgaben, Restwertgarantie Meta
  • Ergebnismitteilungen (8-K): Meta 01.02.2024 und Alphabet 25.04.2024 (erste Dividenden), Oracle 10.06.2026 (43 und 5 Mrd $); Transkript Alphabet-Telefonkonferenz 22.07.2026 (195 bis 205 Mrd $)
  • Prospekte, 8-K: Meta 10/2025, Oracle 09/2025 und 02/2026, Amazon 03, 06 und 09/2026, Alphabet 06 und 08/2026
  • Realty Income, 10-Q zum 30.06.2026 und Ergebnismitteilung 05.08.2026 (Rechenzentren Nord-Virginia)
  • Brav, Graham, Harvey, Michaely: Payout Policy in the 21st Century, NBER Working Paper 9657 (2003), Befragung April/Mai 2002
  • Eigene Messung: SEC-Volltextsuche, Einreichungsverzeichnisse und Frames, Stichtag 27.09.2026, abgerufen 28.09.2026; als 2025 zählen Microsofts GJ bis 06/2025 und Oracles GJ bis 05/2026

Hinweis: Keine Anlageberatung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Die Nennung einzelner Unternehmen ist kein Urteil über deren Aktien. Investitionspläne sind Absichten und können sich ändern. Alle Kennzahlen Stand Ende September 2026. Es besteht keine Vergütung durch Dritte. Der Autor hält Realty Income und Broadcom im eigenen Depot. Außer über den laufenden Sparplan, der wie jeden Monat am 7. ausgeführt wird, handelt er diese Titel frühestens 72 Stunden nach Erscheinen dieses Beitrags. Der Autor ist unternehmerisch in einer immobiliennahen Branche tätig; Details auf Transparenz. Details: Disclaimer & Risikohinweis.

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