Von Dividenden leben: was es wirklich braucht

12.09.2026 · Kategorie: Strategie & Regelwerk

⏱ Kurz gesagt: Für 2.000 € netto im Monat aus Dividenden brauchst du bei 3,5 % Ausschüttungsrendite rund 1,28 Mio €, wenn du vor der Rente aufhörst zu arbeiten. Als Rentner mit Pflichtversicherung sind es rund 920.000 €. Der Unterschied von über 350.000 € ist die Krankenkasse, und über die schreibt fast niemand.

Über das Ansparen gibt es Tausende Beiträge. Über das, was danach kommt, erstaunlich wenige, und die meisten davon rechnen zu freundlich. Dieser Text ist der Versuch, die Frage einmal ehrlich zu beantworten: Wie viel Kapital braucht man wirklich, um von Dividenden zu leben? Er ist lang, er ist unbequem, und er ist frei zugänglich, weil ich finde, dass diese Zahlen niemand hinter einer Bezahlschranke verstecken sollte.

Die drei Abzüge, die in fast jeder Rechnung fehlen

Wenn im Netz jemand vorrechnet, wie viel Kapital man für ein bestimmtes Einkommen braucht, teilt er meist einfach den Wunschbetrag durch die Rendite. 24.000 € im Jahr geteilt durch 4 % ergibt 600.000 €, fertig. Diese Rechnung ist falsch, und zwar aus drei Gründen.

Erstens die Steuer. Auf Kapitalerträge fallen 25 % Abgeltungsteuer plus 5,5 % Solidaritätszuschlag darauf an, zusammen 26,375 %, gegebenenfalls zuzüglich Kirchensteuer. Steuerfrei bleiben lediglich 1.000 € im Jahr über den Sparerpauschbetrag, bei Ehepaaren 2.000 €.

Zweitens die Krankenkasse, und das ist der teuerste blinde Fleck. Drittens die Tatsache, dass Dividenden gekürzt werden können, worauf ich weiter unten zurückkomme.

Der Unterschied, der 350.000 € kostet

Wer aufhört zu arbeiten, bevor er Rente bezieht, und von seinem Depot lebt, ist in der Regel freiwillig gesetzlich versichert. Und für freiwillig Versicherte zählen alle Einkünfte zur Beitragsbemessung, also auch Dividenden, Zinsen und Mieteinnahmen.

Für Kapitalerträge gilt dabei der ermäßigte Beitragssatz von 14,0 %. Zusammen mit einem durchschnittlichen Zusatzbeitrag von 2,9 % ergibt das 16,9 % für die Krankenversicherung, je nach Kasse zwischen etwa 16,2 und 17,4 %. Dazu kommt die Pflegeversicherung mit 3,6 %, für Kinderlose ab 23 Jahren mit einem Zuschlag von 0,6 Punkten also 4,2 %.

Unter dem Strich sind das 20,5 % mit Kindern und 21,1 % ohne. Nach oben ist bei der Beitragsbemessungsgrenze Schluss, 2026 bei 69.750 € im Jahr. Nach unten gibt es ebenfalls eine Grenze: Auch wer kaum Einkünfte hat, zahlt Beiträge auf eine Mindestbemessungsgrundlage von rund 1.320 € im Monat.

Ganz anders sieht es aus, wenn du als Rentner in der Krankenversicherung der Rentner pflichtversichert bist. Dort bleiben Kapitalerträge und Mieteinnahmen beitragsfrei. Ob du in diese Pflichtversicherung kommst, hängt davon ab, ob du in der zweiten Hälfte deines Erwerbslebens lange genug gesetzlich versichert warst. Für die Kapitalfrage macht das einen gewaltigen Unterschied.

Die Rechnung, zweimal

Nehmen wir 2.000 € netto im Monat, also 24.000 € im Jahr, die tatsächlich zum Ausgeben zur Verfügung stehen sollen.

Fallnötige BruttodividendeKapital bei 3 %bei 3,5 %bei 4 %
freiwillig versichert, mit Kindernrund 44.700 €1,49 Mio €1,28 Mio €1,12 Mio €
freiwillig versichert, kinderlosrund 45.200 €1,51 Mio €1,29 Mio €1,13 Mio €
Rentner in der Pflichtversicherungrund 32.200 €1,07 Mio €920.000 €810.000 €

Alle Zeilen unterstellen den Sparerpauschbetrag für eine Einzelperson und 26,375 % Steuer, die oberen beiden zusätzlich 20,5 beziehungsweise 21,1 % für Kranken- und Pflegeversicherung. Die naive Rechnung von oben kam auf 600.000 €. Realistisch ist es je nach Lebenslage das Anderthalb- bis gut Zweifache davon.

Das ist keine Zahl, die Freude macht, und ich lasse sie trotzdem so stehen. Wer mit 600.000 € plant und dann feststellt, dass es nicht reicht, hat sein Berufsleben bereits beendet.

Der Abschlag, den man vorher einplant

Bleibt der dritte Punkt. Dividenden sind kein Zins, sie sind eine Entscheidung des Unternehmens, und Unternehmen kürzen. Über das gesamte überwachte Universum liegt die Rate solcher Kürzungen bei wenigen Prozent im Jahr, in Krisenjahren deutlich höher.

Für ein Depot, aus dem gelebt wird, heißt das: Plane nicht mit dem Betrag, der heute fließt, sondern mit einem Abschlag darauf. Wir rechnen intern mit einem Puffer und behandeln jede Kürzung als eingeplantes Ereignis statt als Unfall. Wie oft so etwas vorkommt und wie gut es sich vorher erkennen lässt, habe ich in einem eigenen Rückwärtstest untersucht; die kurze Fassung lautet, dass etwa die Hälfte der Kürzungen ohne erkennbaren Vorlauf kommt.

Der zweite Puffer betrifft die Zeit. Wer sein Kapital erst in zwanzig Jahren braucht, sollte nicht mit den heutigen Beträgen rechnen. 2.000 € von heute entsprechen bei 2 % Geldentwertung in zwanzig Jahren etwa 2.970 €, und das Kapital dafür wächst entsprechend mit.

Warum die Rendite nicht die Stellschraube ist

Der naheliegende Ausweg wäre, statt 3,5 % eben 7 % Ausschüttungsrendite zu suchen. Damit halbiert sich der Kapitalbedarf auf dem Papier. In der Wirklichkeit halbiert sich meist etwas anderes.

Sehr hohe Ausschüttungsrenditen entstehen fast immer dadurch, dass der Kurs gefallen ist, und Kurse fallen, wenn der Markt Zweifel an der Zahlung hat. Ein Depot, das auf Anfangsrendite optimiert ist, kauft systematisch die Titel mit dem höchsten Kürzungsrisiko ein. Genau deshalb steht in unserem Regelwerk Dividendenwachstum vor Anfangsrendite, auch wenn das den Weg verlängert.

Was das praktisch heißt

Drei Schlussfolgerungen, die ich für mich daraus ziehe. Erstens: Der Zeitpunkt des Ausstiegs ist finanziell fast so wichtig wie die Höhe des Kapitals, weil die Krankenversicherung davon abhängt. Wer wenige Jahre vor dem regulären Rentenbeginn aufhört, zahlt diese Jahre teuer.

Zweitens: Ein gemischtes Modell ist realistischer als der harte Schnitt. Eine kleine Rente, ein Teilzeit-Einkommen oder eine Mieteinnahme senken den nötigen Depotbetrag stärker, als die meisten erwarten, weil sie direkt vom Bruttobedarf abgehen.

Drittens: Diese Zahlen sind kein Grund, nicht anzufangen. Sie sind ein Grund, früh anzufangen und die Erwartung sauber zu setzen. Ein Depot, das in zwanzig Jahren 800 € im Monat beisteuert, ist kein gescheitertes Millionen-Projekt, sondern ein sehr gutes Ergebnis.

Zum Mitnehmen

Teile deinen Wunschbetrag nicht durch die Rendite. Rechne von unten nach oben: gewünschtes Netto, plus Steuer, plus Krankenversicherung, plus Kürzungspuffer, plus Geldentwertung. Was dann herauskommt, ist die ehrliche Zahl. Für 2.000 € netto im Monat liegt sie je nach Versicherungsstatus zwischen etwa 920.000 € und 1,51 Mio €. Mit dem Einkommens-Planer kannst du deine eigene Zielzahl durchrechnen, und wie wir die Titel auswählen, aus denen dieser Strom kommen soll, steht offen im Regelwerk sowie ausführlich im Premium-Beitrag Das Vermögensaufbau-Depot im Detail.

Quellen:

  • Beitragsrecht der gesetzlichen Krankenversicherung 2026: Beitragsbemessungsgrenze 69.750 € im Jahr, ermäßigter Beitragssatz 14,0 % zuzüglich durchschnittlichem Zusatzbeitrag von 2,9 %, Pflegeversicherung 3,6 % zuzüglich 0,6 Punkten Zuschlag für Kinderlose ab 23 Jahren, Mindestbemessungsgrundlage für freiwillig Versicherte
  • Beitragsfreiheit von Kapitalerträgen in der Krankenversicherung der Rentner gegenüber der Beitragspflicht für freiwillig Versicherte
  • Abgeltungsteuer 25 % zuzüglich Solidaritätszuschlag, Sparerpauschbetrag 1.000 € beziehungsweise 2.000 €
  • Eigener Rückwärtstest über 1.222 Dividendenzahler, 2014 bis 2026, zur Häufigkeit und Vorhersehbarkeit von Kürzungen

Hinweis: Keine Anlage-, Steuer-, Sozialversicherungs- oder Rentenberatung. Alle Rechnungen sind Modelle mit ausdrücklich genannten, vereinfachenden Annahmen: konstante Ausschüttungsrendite, keine Kirchensteuer, Einzelperson, gleichbleibende Beitragssätze. Ob und zu welchen Bedingungen du in der Krankenversicherung der Rentner pflichtversichert bist, hängt von deiner Versicherungsbiografie ab und ist im Einzelfall bei deiner Krankenkasse zu klären. Beitragssätze, Bemessungsgrenzen und Freibeträge ändern sich jährlich. Die genannten Beträge sind keine Zusage und keine Prognose. Details: Disclaimer & Risikohinweis.

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