Entnahmestrategie im Ruhestand: die ehrliche Übersicht
⏱ Kurz gesagt: Die berühmte 4-Prozent-Regel ist keine Regel, sondern das Ergebnis einer Rückrechnung auf US-Daten. Ihr Erfinder nennt heute 4,7 %, andere Häuser kommen auf 3,9 %. Diese Spanne entscheidet über Hunderttausende Euro. Wichtiger als die Zahl ist ohnehin etwas anderes: In welcher Reihenfolge die Renditen kommen, und ob du deine Entnahme anpassen kannst, wenn es schlecht läuft.
Zwei Wochen nach dem Cornerstone über das nötige Kapital kommt hier die andere Hälfte derselben Frage. Angenommen, du hast das Geld zusammen. Wie holst du es wieder heraus, ohne dass es vorher ausgeht? Dieser Beitrag ist wieder frei zugänglich, lang und stellenweise unbequem.
Woher die 4 Prozent kommen
Die Zahl stammt aus einer Untersuchung von 1994. Ein amerikanischer Finanzplaner rechnete durch, wie viel man einem Depot im ersten Ruhestandsjahr entnehmen kann, um es über dreißig Jahre nicht aufzubrauchen, wenn man den Betrag danach jedes Jahr an die Inflation anpasst. Das schlechteste historische Startjahr ergab rund 4 %.
Zwei Dinge werden dabei fast immer unterschlagen. Erstens ist das kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis einer Rückrechnung auf abgelaufenen Kursreihen. Zweitens stammen diese Reihen aus den Vereinigten Staaten, dem erfolgreichsten Aktienmarkt des zwanzigsten Jahrhunderts. Wer die 4 % auf ein anderes Land überträgt, unterstellt stillschweigend, dass dieses Land denselben Verlauf genommen hätte.
Was der Erfinder heute sagt
Interessant ist, dass ausgerechnet der Urheber die Zahl inzwischen angehoben hat. In seiner neueren Arbeit kommt er auf 4,7 % als sichere Startentnahme, weil er das Depot breiter aufstellt und neben großen US-Werten auch mittlere, kleine und internationale Aktien einbezieht. Wer zusätzlich bereit ist, seine Entnahme in schlechten Jahren anzupassen, landet in seinen Rechnungen bei bis zu 5,5 %.
Gleichzeitig kommen andere Häuser auf deutlich vorsichtigere Werte, etwa 3,9 %. Und genau diese Spanne ist die eigentliche Nachricht dieses Beitrags: Zwischen 3,9 und 5,5 % liegt der Faktor 1,4. Bei 500.000 € Depot sind das 19.500 € gegenüber 27.500 € im Jahr, ein Unterschied von 8.000 € jährlich. Wer eine dieser Zahlen als „die Regel" präsentiert, verschweigt, dass Fachleute sich um vierzig Prozent uneinig sind.
Das Risiko, das kaum jemand versteht
Jetzt zum wichtigsten Teil, und ich rechne ihn vor, weil er sich sonst nicht begreifen lässt. Nimm 500.000 € Startkapital und 20.000 € Entnahme pro Jahr. Über fünf Jahre erzielt das Depot diese Renditen: minus 20, minus 15, plus 5, plus 15, plus 25 %. Im Durchschnitt sind das 2 % im Jahr.
| Reihenfolge | Depot nach fünf Jahren |
|---|---|
| schlechte Jahre zuerst | 383.063 € |
| gute Jahre zuerst | 432.358 € |
Dieselben Renditen, derselbe Durchschnitt, dasselbe Startkapital, und nach fünf Jahren fehlen 49.295 €. Der Grund ist simpel: Wer in einem schlechten Jahr entnimmt, verkauft mehr Anteile für denselben Betrag, und diese Anteile fehlen später beim Aufschwung.
Die Probe aufs Exempel macht es endgültig klar. Ohne Entnahme wäre die Reihenfolge völlig gleichgültig, beide Depots stünden nach fünf Jahren bei exakt 513.187 €. Erst das Entnehmen macht aus der Reihenfolge ein Risiko. Fachleute nennen das Sequenzrisiko, und es ist der Hauptgrund, warum die ersten Ruhestandsjahre über alles entscheiden.
Drei Antworten darauf, die tatsächlich helfen
Die erste ist ein Cash-Puffer. Wer zwei bis drei Jahresausgaben auf dem Tagesgeldkonto hält und in schwachen Börsenjahren daraus lebt, muss nicht in den fallenden Markt hinein verkaufen. Das kostet Rendite, weil dieses Geld nicht arbeitet, und es kauft genau die Ruhe, die im entscheidenden Moment fehlt.
Die zweite sind dynamische Entnahmeregeln, das bekannteste Verfahren stammt von Guyton und Klinger. Der Gedanke ist ein Korridor: Man legt eine Startentnahme fest und zieht zwei Leitplanken darum. Steigt die Entnahmequote durch fallende Kurse deutlich über den Startwert, wird die Entnahme spürbar gekürzt. Fällt sie durch gute Jahre deutlich darunter, darf sie steigen. Man verzichtet also auf Planbarkeit und gewinnt Haltbarkeit. Wer bereit ist, in schlechten Jahren zehn Prozent weniger auszugeben, kann von Anfang an mehr entnehmen.
Die dritte ist der Weg, den wir gehen: aus laufenden Erträgen leben statt aus Verkäufen. Er löst das Sequenzrisiko nicht auf, aber er entschärft es an der empfindlichsten Stelle, weil in einem schwachen Jahr keine Anteile abgegeben werden müssen. Der Preis dafür ist eine engere Titelauswahl und meist ein niedrigerer Endwert.
Was in Deutschland anders ist
Alle genannten Prozentzahlen sind Bruttowerte aus amerikanischen Untersuchungen. Bei uns kommen drei Dinge dazu, die keine dieser Studien abbildet.
Auf Erträge und realisierte Gewinne fallen 26,375 % Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag an. Wer vor dem Rentenalter aufhört zu arbeiten, zahlt zusätzlich Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung auf seine Kapitalerträge, und zwar rund 20,5 %; die Einzelheiten stehen im Cornerstone von vor zwei Wochen. Und die gesetzliche Rente setzt in Deutschland später ein, als amerikanische Modellrechnungen unterstellen, was die Brückenjahre teurer macht.
Eine Entnahmequote von 4 % brutto ist deshalb hierzulande spürbar weniger wert als in der Studie, aus der sie stammt. Wer mit ihr plant, sollte den Abzug vorher rechnen und nicht hinterher entdecken.
Was ich niemandem sagen kann
Es gibt keine Zahl, die für dich stimmt und die ich hier hinschreiben könnte. Sie hängt davon ab, wann du aufhörst, wie lange du lebst, wie viel gesetzliche Rente dazukommt, ob du eine Immobilie hast und wie gut du es aushältst, in einem Crash nichts zu tun.
Was ich sagen kann, ist die Reihenfolge der Fragen. Zuerst der Puffer für die ersten Jahre. Dann die Entscheidung, ob deine Entnahme starr oder anpassbar sein soll. Erst danach die Prozentzahl. Wer mit der Prozentzahl anfängt, hat die beiden wichtigeren Entscheidungen übersprungen.
Zum Mitnehmen
Die 4-Prozent-Regel ist ein historischer Befund aus einem einzigen Land, kein Versprechen. Die seriöse Spanne reicht von etwa 3,9 bis 5,5 %, je nachdem wie flexibel du bist, und deutsche Steuern und Sozialabgaben schmälern jede dieser Zahlen zusätzlich. Wichtiger als die Quote sind ein Puffer für die ersten Jahre und die Bereitschaft, in schlechten Jahren weniger zu entnehmen. Deine eigene Zielzahl kannst du mit dem Einkommens-Planer durchrechnen, und wie ein Depot aussieht, das später einmal diesen Strom liefern soll, steht im Premium-Beitrag Das Vermögensaufbau-Depot im Detail.
Quellen:
- Ursprüngliche Untersuchung zur sicheren Entnahmerate aus dem Jahr 1994 sowie deren Fortschreibung durch denselben Autor mit einer angehobenen sicheren Startentnahme von 4,7 % bei breiterer Streuung und bis zu 5,5 % bei flexibler Entnahme
- Abweichende, vorsichtigere Schätzungen anderer Analysehäuser im Bereich von rund 3,9 %
- Dynamische Entnahmeregeln nach Guyton und Klinger (Leitplanken-Verfahren)
- Eigene Modellrechnung zum Sequenzrisiko: identische Renditereihe in umgekehrter Reihenfolge, 500.000 € Startkapital, 20.000 € jährliche Entnahme
- Deutsche Abgaben: Abgeltungsteuer samt Solidaritätszuschlag sowie Beiträge freiwillig Versicherter zur Kranken- und Pflegeversicherung, Stand 2026
Hinweis: Keine Anlage-, Steuer- oder Rentenberatung. Alle genannten Entnahmequoten stammen aus Rückrechnungen auf historischen, überwiegend US-amerikanischen Kursreihen; sie beschreiben die Vergangenheit und sind keine Zusage für die Zukunft. Die Modellrechnung zum Sequenzrisiko verwendet frei gewählte Renditen zur Veranschaulichung und bildet keinen realen Marktverlauf ab. Welche Entnahme in deinem Fall tragfähig ist, hängt von Lebenserwartung, weiteren Einkünften, Steuerstatus und Versicherungsverhältnis ab und lässt sich pauschal nicht beantworten. Details: Disclaimer & Risikohinweis.
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