Mindset & Alltag7 Min. LesezeitJohannes Granko

KI und der Umbruch der Arbeit: Wen es zuerst trifft und warum ein zweites Einkommen wichtiger wird

Kurz gesagt In Lohndaten des US-Dienstleisters ADP arbeiten in stärker KI-exponierten Berufen 19 % weniger 22- bis 25-Jährige, als im Gleichschritt mit den übrigen Berufen zu erwarten wäre (bis Juni 2026); amtliche Erhebungen finden eine deutlich kleinere Lücke. In der Breite zeigen die Arbeitsmarktdaten bisher keine Verwerfung. Studien zur KI-Exposition sehen Büroberufe weit vorn, die Pflege weit hinten. Wer von einem einzigen Beruf lebt, setzt alles auf eine Karte, und ein wachsendes zweites Einkommen aus Dividenden kann das abfedern.

Nimmt KI dir den Job weg? In der Meldung der US-Arbeitsstatistikbehörde BLS vom 3. September, auf die sich Teil 3 dieser Serie stützt, steht eine Zahl, die mich beschäftigt: Im zweiten Quartal 2026 gingen nur 52,8 % der Wirtschaftsleistung der US-Unternehmen außerhalb der Landwirtschaft als Arbeitsentgelt an die Beschäftigten, so wenig wie nie seit Beginn der Reihe 1947. Heute geht es darum, welche Berufe KI zuerst verändert und was du tun kannst.

Berufe bestehen aus Aufgaben

Die großen Studien zerlegen Berufe in einzelne Tätigkeiten oder Fähigkeiten und prüfen, wo ein KI-Werkzeug Arbeit übernehmen oder deutlich beschleunigen könnte. Das nennt man Exposition, und jede Studie definiert sie anders.

Studie„Exponiert“ heißtErgebnisGrenze
IWF, Cazzaniga u. a., Januar 2024Die verlangten Fähigkeiten überschneiden sich stärker als beim mittleren Beruf (Median) mit dem, was KI kannknapp 40 % der Beschäftigung weltweit, rund 60 % in Industrieländernvergleicht Berufe nur untereinander, sagt nichts zum Zeitpunkt
ILO, Gmyrek u. a., Mai 2025Ein Teil der Tätigkeiten könnte von generativer KI erledigt werden, eingeteilt in vier Stufen24 % der Beschäftigung weltweit, 34 % in Ländern mit hohem EinkommenObergrenze bei voller Einführung, Stand Anfang 2025; Bewertungen aus Polen und Expertenrunden

Beide Studien messen technische Möglichkeiten; ob Betriebe sie nutzen und Stellen wegfallen, steht in keiner. Die ILO erwartet vor allem, dass sich Berufe wandeln.

Büro vorn, Pflege hinten

Für Deutschland berechnet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), welcher Anteil der Kerntätigkeiten eines Berufs von Computern oder computergesteuerten Maschinen vollautomatisch erledigt werden könnte. Für die jüngste Runde mit Stand 2022 nennt es generative KI als wichtigsten Treiber. Damals arbeiteten 38 % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berufen mit mehr als 70 % technisch ersetzbaren Tätigkeiten, 2019 waren es 34 %.

Berufssegment (IAB, Stand 2022)technisch ersetzbarer Anteil der Kerntätigkeiten
Fertigungsberufe87,9 %
Unternehmensführung und -organisation, darunter Büro und Sekretariat68,0 %
Gesundheitsberufe, darunter die Pflege26,5 %
Soziale und kulturelle Dienstleistungsberufe13,5 %

Die Fertigung liegt vorn, weil das IAB auch computergesteuerte Maschinen mitzählt. Für generative KI sagt der Abstand zwischen Büro und Pflege mehr. Die ILO kommt mit anderer Methode zum selben Bild: Allgemeine Bürokräfte und Buchhaltungskräfte stehen dort in der höchsten ihrer vier Stufen, Pflegeberufe gelten als nicht oder nur minimal exponiert. Das IAB nennt die Pflege als Beispiel dafür, dass technisch Ersetzbares aus ethischen Gründen oft von Menschen erledigt wird.

Was bisher messbar passiert

Die deutlichste Spur stammt von Erik Brynjolfsson, Bharat Chandar und Ruyu Chen. Sie werten Lohnabrechnungen des US-Dienstleisters ADP für Millionen Beschäftigte aus; die Fassung vom August 2026 nutzt Daten bis Juni 2026. Bei den 22- bis 25-Jährigen in den stärker KI-exponierten Berufen, den oberen zwei Fünfteln, liegt die Beschäftigung 19 % unter dem Niveau, das sie im Gleichschritt mit den übrigen Berufen erreicht hätte. Nach derselben Rechnung waren es mit Daten bis Juli 2025 noch 15 %.

Die Lücke entsteht vor allem, weil weniger Junge eingestellt werden. Bei Erfahrenen zeigt sich nichts Vergleichbares, und Pflegehilfsberufe gehören zu den beiden am wenigsten exponierten Fünfteln.

Die Autoren sprechen von frühen Warnzeichen und behaupten nicht, dass KI die Ursache ist. Teile des Musters gab es schon vor Ende 2022, als generative KI für alle nutzbar wurde. Sie warnen auch davor, die Größe der Lücke auf die ganze Wirtschaft zu übertragen: In der amtlichen US-Haushaltsbefragung ACS liegen das am stärksten und das am wenigsten exponierte Fünftel bei den Jungen 2022 bis 2024 nur 2 bis 5 Prozentpunkte auseinander, bei ADP rund 13. Die Richtung stimmt überein.

Den Gegenbefund liefert das Budget Lab der Yale University um Martha Gimbel. Es misst anhand der monatlichen US-Haushaltsbefragung CPS, welcher Anteil der Beschäftigten rechnerisch den Beruf wechseln müsste, damit die Verteilung auf die Berufe wieder der vom November 2022 entspricht. In der Auswertung vom Oktober 2025 lag dieser Wert nur rund einen Prozentpunkt höher als in der gleichen Zeitspanne nach Beginn der Internetverbreitung. Auch die Fortschreibung vom 15. September 2026 findet keinen klaren Hinweis auf eine KI-bedingte Verwerfung.

Beide Befunde passen zusammen, denn Bewegung gibt es bisher vor allem am Berufseinstieg. Für Deutschland rechnet ein IAB-Szenario vom November 2025 bei verstärktem KI-Einsatz über 15 Jahre mit etwa gleich vielen Arbeitsplätzen wie bei fortgeschriebenen Trends, aber mit rund 1,6 Millionen Stellen, die entstehen oder wegfallen.

Die Engels-Pause

Der Wirtschaftshistoriker Robert C. Allen hat 2009 nachgerechnet, was die Industrialisierung den Arbeitern in Großbritannien brachte: Von 1780 bis 1840 stieg die Leistung je Arbeiter um 46 %, der Reallohn, also die Kaufkraft des Lohns, nur um 12 %. Nach seiner Rechnung wuchs der Gewinnanteil an allen Einkommen im Land, der Lohnanteil schrumpfte. Allen nannte diese Jahrzehnte nach Friedrich Engels die Engels-Pause. Erst von 1840 bis 1900 zogen die Löhne vorbei, mit 123 % Plus bei 90 % mehr Leistung.

Nicholas Crafts widersprach 2022 teilweise: Mit neueren Daten fand er einen kaum veränderten Lohnanteil und eine kürzere, flachere Pause. Die Kaufkraft der Löhne wuchs aber auch bei ihm langsamer als die Leistung.

Und heute? Während der Lohnanteil im US-Unternehmenssektor mit 52,8 % auf einem Tiefstand liegt, stieg in Deutschland die Lohnquote, also der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen der gesamten Wirtschaft, laut Statistischem Bundesamt von 70,2 % (2023) auf 73,5 % (2025). Nach meiner Rechnung stiegen in den schwachen Konjunkturjahren die Entgelte weiter, die Unternehmens- und Vermögenseinkommen sanken. Im zweiten Quartal 2026 wuchsen sie dagegen mit 5,5 % zum Vorjahr schneller als die Entgelte mit 3,9 %. Beide Quoten sind unterschiedlich abgegrenzt, und welchen Anteil KI an ihnen hat, zeigt keine.

Was du konkret tun kannst

Schreib eine Woche lang auf, womit du deine Arbeitszeit verbringst. Markiere, was aus Texten und Tabellen nach festem Muster besteht und was Kontakt zu Menschen oder Verantwortung verlangt. Je größer der erste Block, desto früher dürfte dich der Umbruch erreichen und desto eher lohnt Weiterbildung.

Arbeitest du in der Pflege, dürfte der erste Block klein ausfallen. Kommt in deinem Haushalt ein Gehalt aus einem Bürojob dazu, lohnt sich die Übung für diesen Job.

Meine Meinung als Unternehmer: Einsteiger lernen ihr Handwerk oft an den Routineaufgaben, die jetzt als Erste wegfallen könnten. Wer heute anfängt, sollte früh nach Aufgaben mit Verantwortung und Kundenkontakt greifen, auch wenn sie unbequemer sind.

Den zweiten Hebel hast du selbst in der Hand: welchen Teil deines Einkommens du jeden Monat zurücklegst. Wie viel das je nach Lebensphase sein kann, steht in der Budget-Lebenslinie vom vergangenen Samstag.

Zum Mitnehmen

Für viele Familien ist die eigene Arbeitskraft das wichtigste Kapital, und das Einkommen daraus hängt oft ganz an einem einzigen Beruf. In unserem Regelwerk darf dagegen kein Titel mehr als 10 % des Depots ausmachen. Wen der Umbruch trifft und ob die Löhne wie in der Engels-Pause jahrzehntelang hinter der Leistung zurückbleiben, kann heute niemand sicher sagen. Deshalb wird ein zweites Einkommen wichtiger: Mit jedem gekauften Anteil wirst du ein kleines Stück Miteigentümer, und die Dividenden hängen nicht an deinem Arbeitsplatz. Dieses Einkommen wächst langsam und macht dich über die Jahre etwas unabhängiger von ihm.

Welche Dividendenzahler selbst davon abhängen, dass der Bau von Rechenzentren weiterläuft, klärt Teil 5 zum Abschluss der Serie am Samstag, 31. Oktober. Wie viel so ein zweites Einkommen am Anfang ausmacht, steht mit den echten Zahlen aus dem Vermögensaufbau-Depot im Premium-Beitrag Einkommens-Update August 2026.

Quellen

  • BLS: Productivity and Costs, 2. Quartal 2026, revidiert, USDL 26-1434, 03.09.2026 (Arbeitsentgelt-Anteil 52,8 %, Tiefstand seit 1947)
  • Cazzaniga u. a.: IMF Staff Discussion Note SDN/2024/001, Januar 2024 (knapp 40 % weltweit, rund 60 % in Industrieländern)
  • Gmyrek u. a.: Generative AI and Jobs, ILO Working Paper 140, Mai 2025 (24 % weltweit, 34 % in Hocheinkommensländern)
  • Grienberger, Matthes, Paulus: IAB-Kurzbericht 5/2024, Substituierbarkeitspotenziale 2022 (38 % nach 34 % 2019; Segmentwerte Abb. A2)
  • Brynjolfsson, Chandar, Chen: Canaries in the Coal Mine?, Stanford Digital Economy Lab, Fassung August 2026 (19 %; Datenstand Juli 2025: 15 %; Abschnitt 5: ACS −0,022 bis −0,047, ADP −0,132, 2022–2024)
  • Gimbel u. a.: Evaluating the Impact of AI on the Labor Market, Budget Lab at Yale, 01.10.2025 (rund ein Prozentpunkt); Tracking the Impact of AI on the Labor Market, aktualisiert 15.09.2026
  • Zika u. a.: IAB-Forschungsbericht 23/2025, 19.11.2025 (rund 1,6 Millionen)
  • Allen: Explorations in Economic History 46 (4), 2009, S. 418–435 (1780–1840: 46 % und 12 %; 1840–1900: 90 % und 123 %); Crafts: Oxford Economic Papers 74 (1), 2022, S. 1–13
  • Statistisches Bundesamt: Wichtige gesamtwirtschaftliche Größen, Stand 30.09.2026 (Lohnquote 70,2 % und 73,5 %; Einkommensarten eigene Rechnung); Pressemitteilung 303 vom 25.08.2026 (2. Quartal: +5,5 % und +3,9 %)

Hinweis Keine Anlage- oder Berufsberatung. Dieser Beitrag ordnet veröffentlichte Statistiken und Studien ein, Stand Ende September 2026. Es besteht keine Vergütung durch Dritte. Details: Disclaimer & Risikohinweis.

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