Die ETF-Staffel, Teil 3: Wenn der Index zum Wettschein wird
⏱ Kurz gesagt: In den USA stehen inzwischen 393 Themen-ETFs im Regal, zusammen rund 257 Mrd $. Sie kosten im Schnitt 0,63 % im Jahr, während ein breiter Index-ETF für 0,03 bis 0,10 % zu haben ist. Und die unangenehmste Zahl kommt aus der Forschung: Spezial-ETFs verlieren in ihren ersten fünf Jahren im Schnitt rund 30 % risikobereinigt. Nicht wegen der Gebühren, sondern weil sie zum falschen Zeitpunkt aufgelegt werden.
In den ersten beiden Teilen ging es um den breiten Index und darum, wie viel Gewicht dort auf wenigen Namen liegt. Heute geht es in die andere Richtung, nämlich in die Ecke des Regals, in der aus dem Index-Gedanken längst wieder Einzelwetten geworden sind. Wasserstoff, Cybersicherheit, Cannabis, Weltraum, Rechenzentren, Robotik, seltene Erden: Für fast jedes Thema, über das in den letzten Jahren geschrieben wurde, gibt es ein Wertpapier mit drei Buchstaben und einer schicken Grafik im Werbeprospekt.
Eine passive Hülle um eine aktive Wette
Ein Themen-ETF sieht aus wie ein Index-Fonds und funktioniert innen wie Stockpicking. Jemand hat entschieden, welche Unternehmen zum Thema „Künstliche Intelligenz" gehören und welche nicht. Jemand hat entschieden, wie stark sie gewichtet werden. Und jemand hat entschieden, dass es dieses Thema überhaupt geben soll.
Das sind drei aktive Entscheidungen, getroffen von Menschen, die du nicht kennst, nach Regeln, die du im Zweifel nie liest. Übrig bleibt vom Index-Gedanken nur die Verpackung. Wer einen Themen-ETF kauft, kauft keine Marktbreite, sondern eine Meinung im Kleid eines Passivprodukts. Das darf man tun. Man sollte nur wissen, dass man es tut.
Was das Regal hergibt, und was es kostet
Zur Größenordnung: Allein in den USA sind derzeit 393 Themen-ETFs gelistet, in denen zusammen mehr als 257 Mrd $ liegen. Der Durchschnitt kostet 0,63 % im Jahr. Europäische Themenfonds nach UCITS-Recht liegen meist zwischen 0,40 und 0,60 %. Ein breiter Index-ETF ist dagegen für 0,03 bis 0,10 % zu haben.
Ein halber Prozentpunkt klingt nach nichts. Rechne ihn einmal aus. Bei 10.000 € Anlage, 20 Jahren Laufzeit und angenommenen 6 % Bruttorendite bleiben nach Kosten von 0,10 % rund 31.500 € übrig, nach Kosten von 0,60 % dagegen rund 28.600 €. Die Differenz von etwa 2.840 € entspricht gut einem Viertel des ursprünglichen Einsatzes, und zwar allein für die Verpackung. Das ist eine Modellrechnung mit glatten Annahmen, aber die Richtung stimmt in jeder Variante.
Die Zahl, die wirklich wehtut
Die Gebühren sind trotzdem nicht das Hauptproblem, und das ist der überraschende Teil. Eine viel beachtete Untersuchung von Ben-David, Franzoni, Kim und Moussawi hat sich angesehen, wie sich spezialisierte ETFs nach ihrer Auflage schlagen. Das Ergebnis: In den ersten fünf Jahren verlieren sie risikobereinigt im Schnitt rund 30 % gegenüber dem breiten Markt. Die Autoren rechnen ausdrücklich vor, dass sich das nicht mit den höheren Gebühren erklären lässt.
Die Erklärung liegt im Zeitpunkt. Solche Fonds entstehen bevorzugt in Marktnischen, die in den zwölf bis vierundzwanzig Monaten davor besonders gut gelaufen sind. Genau dann ist das Thema in den Schlagzeilen, genau dann fragen Anleger danach, und genau dann sind die zugehörigen Aktien am teuersten. Der Fonds wird also regelmäßig auf dem Höhepunkt der Aufmerksamkeit geboren und kauft für dich zu Preisen ein, die diese Aufmerksamkeit schon eingepreist haben.
Mir hat dieser Befund eine ältere Vermutung genommen. Ich hielt Themen-ETFs für teuer, aber im Kern für harmlos. Sie sind nicht harmlos. Ihr Konstruktionsfehler sitzt nicht im Preisschild, sondern im Geburtsdatum.
Warum die Branche das trotzdem macht
Aus Sicht eines Fondsanbieters ist das kein Versagen, sondern ein funktionierendes Geschäftsmodell. Ein breiter Index-ETF ist ein Massenprodukt mit winziger Marge, bei dem man gegen die größten Anbieter der Welt um Zehntelprozente kämpft. Ein Themenfonds verkauft eine Geschichte, verlangt das Fünf- bis Zwanzigfache an Gebühren und braucht dafür nur eine gute Idee zur richtigen Zeit.
Dass viele dieser Fonds nach ein paar mageren Jahren wieder geschlossen werden, wenn das Thema aus der Mode kommt, trägt zusätzlich zur schiefen Wahrnehmung bei. Wer sich später die Bilanz der Branche ansieht, findet die Verlierer schlicht nicht mehr im Regal.
Was Bogle dazu gesagt hätte
John Bogle, der die Index-Idee für Privatanleger überhaupt erst zugänglich gemacht hat, hat zwischen zwei Sorten ETFs klar unterschieden. Breite Index-ETFs hielt er für eine legitime Fortsetzung seiner Idee. Enge Branchen- und Länderfonds nannte er dagegen für die meisten Anleger zu eng, weil man mit ihnen genau das aufgebe, worum es bei einem Index gehe, nämlich die Streuung. Für ihn war das kein Indexieren mehr, sondern Titelauswahl mit anderen Mitteln.
Ich zitiere ihn hier bewusst zurückhaltend, weil ihm im Netz eine Menge zugeschrieben wird, das sich nicht belegen lässt. Seine Kernkritik ist gut dokumentiert, die griffigen Sprüche darum herum meist nicht.
Wie wir das in unserem Regelwerk sehen
Für unsere Depots ist ein Themen-ETF die ungünstigste Kombination aus beiden Welten. Er bringt das Klumpenrisiko einer Branchenwette mit, ohne dass wir die einzelnen Unternehmen prüfen könnten, und er kostet zusätzlich eine Verwaltungsgebühr. Unser Regelwerk deckelt Sektoren bei 25 % und Branchen bei zwei Titeln. Ein Fonds, der ausschließlich aus einer Branche besteht, ist damit nicht vereinbar, und zwar unabhängig davon, wie überzeugend das Thema klingt.
Fair bleiben muss man trotzdem. Es gibt Situationen, in denen ein enger Fonds seinen Zweck erfüllt, etwa als kleine, bewusst begrenzte Beimischung für jemanden, der von einem Bereich fachlich etwas versteht und die Einzeltitel darin nicht selbst zusammenstellen will. Wer das macht, sollte drei Dinge vorher festlegen: den Höchstanteil am Gesamtdepot, die Haltedauer und den Punkt, an dem er die Wette als gescheitert betrachtet. Ohne diese drei Angaben ist es kein Investment, sondern eine Hoffnung mit Wertpapierkennnummer.
Zum Mitnehmen
Themen-ETFs sind der Ort, an dem die Index-Idee sich selbst überholt. Sie kosten das Vielfache eines breiten Fonds, sie kommen fast immer nach der guten Phase auf den Markt, und die Forschung misst ihnen einen erheblichen Rückstand in den ersten Jahren zu. Wenn du prüfen willst, wie eng oder breit dein eigenes Depot tatsächlich aufgestellt ist, findest du in der Werkzeugkiste den Klumpen-Check. Und wie das Gegenteil eines Themenfonds aussieht, nämlich zwanzig einzeln geprüfte Titel mit harten Branchengrenzen, steht im Premium-Beitrag Das Vermögensaufbau-Depot im Detail. Nächsten Mittwoch schließt Teil 4 die Staffel, und zwar mit dem Fazit, das ich in Teil 1 versprochen habe: Warum der breite ETF für die meisten Menschen trotz allem der richtige Weg ist.
Zum Weiterlesen (allgemeine, unabhängige Quellen):
- Ben-David, Franzoni, Kim, Moussawi: „Competition for Attention in the ETF Space" (NBER Working Paper 28369) — Wertentwicklung spezialisierter ETFs in den ersten fünf Jahren und der Zusammenhang mit dem Auflagezeitpunkt
- Marktübersichten zu Themen-ETFs 2026 (Anzahl, verwaltetes Vermögen, durchschnittliche Kostenquote)
- Kostenvergleiche breiter Index-ETFs und Themenfonds, US-Markt und UCITS-Fonds
- Interviews und Schriften von John C. Bogle zur Abgrenzung breiter Index-ETFs von engen Branchen- und Länderfonds
Hinweis: Keine Anlageberatung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung, weder für noch gegen einzelne Fonds oder Fondsarten. Die genannten Marktzahlen und Kostenquoten sind Durchschnitts- und Stichtagswerte für 2026 und ändern sich laufend; einzelne Fonds können deutlich darüber oder darunter liegen. Die Beispielrechnung ist ein Modell mit frei gewählten, konstanten Annahmen und keine Prognose. Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung beschreiben Durchschnitte über viele Fonds und sagen nichts über einen bestimmten Fonds aus. Der Autor investiert selbst in Einzelaktien nach dem Regelwerk dieser Website, ein möglicher Bias, den du beim Lesen kennen solltest. Details: Disclaimer & Risikohinweis.
Weiterlesen
Frühstart-Rente: 10 € im Monat vom Staat, und was davon bei deinem Kind ankommt
Ich habe zwei kleine Kinder, und für beide läuft ein eigenes Depot. Umso genauer schaue ich hin, wenn der Staat ankündigt, künftig selbst für jedes Kind Geld an die Börse zu bringen. Die Frühstart-Rente ist der erste …
Die ETF-Staffel, Teil 2: Das Klumpenrisiko in Zahlen
Im ersten Teil ging es darum, dass ein Index-ETF nach genau einer Regel kauft, nämlich Größe. Heute wird gerechnet. Ich nehme dafür bewusst keine Prognose und keine Untergangsgeschichte, sondern nur die Gewichte, die …
📬 Der Sonntagsbrief. Einmal pro Woche die neuen Beiträge und ein paar ehrliche Sätze dazu – kein Spam, keine Werbung, Abmeldung mit einem Klick.
Zu rund 1.200 überwachten Dividendenzahlern führt der Risiko-Radar ein öffentliches Signal-Archiv — die Titel-Abfrage dort zeigt, was zu einem Wert gemeldet wurde.
Kommentare
🪙 Noch keine Kommentare – deiner wäre der erste. Qualifizierte Kommentare (echte Fragen, eigene Erfahrungen, Widerspruch mit Argumenten) bringen 10 Taler, bis zu dreimal am Tag.
Melde dich an, um mitzudiskutieren – freigegebene Kommentare bringen Taler.
