Die ETF-Staffel, Teil 2: Das Klumpenrisiko in Zahlen

19.08.2026 · Kategorie: Grundlagen & Steuern

⏱ Kurz gesagt: Drei Unternehmen machen zusammen rund 18 % des S&P 500 aus. Fallen sie um 30 %, kostet das den Index gut fünf Prozentpunkte, ohne dass die anderen 497 Firmen irgendetwas falsch gemacht hätten. Das eigentliche Klumpenrisiko ist aber nicht die Größe, sondern die gemeinsame Geschichte dahinter. Und eine Zahl widerspricht der Panik-Erzählung: Die Konzentration ist seit dem Jahreswechsel gefallen, nicht gestiegen.

Im ersten Teil ging es darum, dass ein Index-ETF nach genau einer Regel kauft, nämlich Größe. Heute wird gerechnet. Ich nehme dafür bewusst keine Prognose und keine Untergangsgeschichte, sondern nur die Gewichte, die jeder nachschlagen kann, und ein bisschen Prozentrechnung. Das Ergebnis ist unspektakulärer, als die Schlagzeilen vermuten lassen, und trotzdem relevant für jeden, der einen Sparplan laufen hat.

Die Ausgangslage in vier Zahlen

Stand Ende Juli 2026, gerundet, weil solche Gewichte täglich schwanken: Die zehn größten Titel im S&P 500 wiegen zusammen gut 36 % des Index. Nvidia allein bringt je nach Stichtag 7 bis 7,5 % auf die Waage, Apple gut 6,5 %, Microsoft gut 4 %. Dass ich in Teil 1 rund 7 % geschrieben habe und hier 7,5, liegt genau daran: Diese Gewichte bewegen sich innerhalb weniger Wochen um einen halben Prozentpunkt, und wer sie auf die Nachkommastelle genau zitiert, tut so, als stünden sie still. Diese drei Namen sind zusammen etwa 18 % des gesamten Index, also fast ein Fünftel. Zählt man die großen tech-getriebenen Konzerne insgesamt zusammen, kommt man auf mehr als ein Drittel.

Damit sind wir bei der Zahl, um die es heute geht. Wer 500 € in einen S&P-500-ETF steckt, kauft für rund 90 € drei Unternehmen und für die restlichen 410 € die anderen 497. Das ist keine Kritik, das ist die Bauanleitung. Ein marktkapitalisierungsgewichteter Index soll genau das tun.

Was ein Rücksetzer der Großen kostet

Jetzt die Rechnung, und sie ist bewusst simpel gehalten, damit du sie nachvollziehen und mit eigenen Annahmen wiederholen kannst. Angenommen, die drei größten Titel verlieren 30 %, während der Rest des Index unverändert bleibt. Dann kostet das den Index 18 % mal 30 %, also 5,4 Prozentpunkte. Aus 100 € werden 94,60 €, und zwar ohne dass in 497 Unternehmen irgendetwas passiert wäre.

Dreht man die Rechnung um, sieht man dieselbe Mechanik von der schönen Seite. Steigen dieselben drei Titel um 30 %, trägt das den Index um 5,4 Prozentpunkte nach oben, auch wenn der Rest stillsteht. Genau das ist in den vergangenen Jahren immer wieder passiert, und es ist der Grund, warum diese Firmen überhaupt so schwer geworden sind. Der Hebel wirkt in beide Richtungen, und wer ihn nur in eine Richtung erzählt, erzählt die Hälfte.

Die unbequeme Korrektur an der Panik-Erzählung

An dieser Stelle muss ich einer Geschichte widersprechen, die ich selbst monatelang plausibel fand. Die Konzentration im S&P 500 wächst gerade nicht. Zum Jahreswechsel lag das Gewicht der zehn größten Titel bei rund 41 %, Ende Juli 2026 sind es gut 36 %. Über gut ein halbes Jahr ist der Klumpen also um ungefähr fünf Prozentpunkte kleiner geworden.

Das ist mir wichtig, weil ich in diese Staffel mit einer anderen Erwartung gestartet bin. Wer heute liest, die Konzentration erreiche immer neue Rekorde, liest eine Aussage, die für das Jahr 2025 stimmte und für 2026 bislang nicht. Am Grundbefund ändert das wenig, denn im langfristigen Schnitt lagen die Top 10 bei etwa 24 %, und davon sind auch 36 % weit entfernt. Es ändert aber den Ton. Wir reden über ein erhöhtes Risiko, nicht über eine Lawine, die gerade losbricht.

Größe ist nicht das Problem, gemeinsame Ursachen sind es

Damit zum eigentlichen Punkt, und der hat mit Prozenten weniger zu tun, als man denkt. Ein Klumpen entsteht nicht dadurch, dass eine Position groß ist. Er entsteht dadurch, dass mehrere Positionen am selben Faden hängen und deshalb gleichzeitig fallen.

Bei den heutigen Indexschwergewichten liegt dieser Faden offen zutage. Sie verkaufen einander Chips, Rechenzentren, Cloud-Kapazität und Werbeplätze. Ein erheblicher Teil ihrer jüngsten Umsatz- und Gewinnsprünge hängt an derselben Investitionswelle in Rechenleistung. Wer sieben solcher Namen im Depot hat, hat nicht sieben Wetten laufen, sondern eher zweieinhalb. Auf dem Papier sieht das nach Streuung aus, in einer Korrektur verhält es sich wie eine einzige Position.

Genau diese Lektion hat uns als Familie einmal Geld gekostet, und zwar mit American Express. Die Position war regelkonform, sie lag unter allen Deckeln, und sie war trotzdem ein Risiko, das wir übersehen hatten. Warum wir sie am Ende aus allen Depots geworfen haben, steht ausführlich in „Diversifiziert auf dem Papier". Seitdem hat unser Regelwerk eine Regel mehr, und ich lese Indexgewichte anders als vorher.

Wie wir das bei uns deckeln

Unser Regelwerk beantwortet die Frage nicht mit Prognosen, sondern mit Obergrenzen, die vor dem Kauf gelten: höchstens 10 % je Einzeltitel, höchstens 25 % je Sektor, höchstens zwei Titel je Branche. Im Vermögensaufbau-Depot kommt ein Technologie-Deckel von 20 % dazu. Ein Korb mit rund einem Drittel in einer einzigen Investitionsgeschichte käme durch diese Prüfung nicht.

Ich will das nicht als Überlegenheit verkaufen. Unsere Deckel haben in den letzten Jahren Rendite gekostet, weil sie genau die Titel begrenzt haben, die am stärksten gestiegen sind. Das ist der Preis, und ich zahle ihn bewusst, weil unser Ziel nicht der maximale Endwert ist, sondern ein Einkommensstrom, der auch dann weiterläuft, wenn eine Branche ein schlechtes Jahrzehnt hat. Wer ein anderes Ziel verfolgt, darf zu einem anderen Schluss kommen.

Was ein ETF-Sparer damit anfangen kann

Aus alldem folgt kein Verkauf. Es folgen drei nüchterne Möglichkeiten, und keine davon verlangt, dass du zum Einzelaktien-Anleger wirst.

Erstens: Nachsehen. Die meisten Menschen kennen die Top-10-Quote ihres eigenen Sparplans nicht. Sie steht im monatlichen Factsheet des Fonds, meist auf Seite eins, und sie zu kennen ist die halbe Miete. Zweitens: Der Welt-Index streut breiter als der US-Index, weil andere Regionen dazukommen; die amerikanischen Schwergewichte bleiben trotzdem dominant, nur eben etwas verdünnt. Drittens gibt es dieselben 500 Unternehmen auch gleichgewichtet, mit rund 0,2 % je Titel. Diese Variante hat in Phasen starker Schwergewichte deutlich schlechter abgeschnitten, und sie ist etwas teurer. Sie ist also keine bessere Lösung, sondern eine andere Wette.

Zum Mitnehmen

Rund 18 % des S&P 500 hängen an drei Namen, gut 36 % an zehn. Der Klumpen ist seit dem Jahreswechsel kleiner geworden, liegt aber weit über dem historischen Schnitt. Gefährlich ist daran weniger die Größe als die gemeinsame Geschichte, die diese Titel verbindet. Wenn du wissen willst, wie es in deinem eigenen Depot aussieht, findest du in der Werkzeugkiste den „Klumpen-Check": Er prüft deine Positionen gegen dieselben Deckel, die wir selbst einhalten, inklusive Sektor- und Branchengrenzen. Wie ein Depot aussieht, das diese Deckel tatsächlich einhält, mit allen 20 Positionen und der Begründung je Titel, steht im Premium-Beitrag Das Vermögensaufbau-Depot im Detail. Nächsten Mittwoch geht es weiter mit Teil 3, und da wird es kurios: Themen-ETFs, die den Index-Gedanken vom Kopf auf die Füße und dann wieder zurück stellen.

Zum Weiterlesen (allgemeine, unabhängige Quellen):

  • S&P Dow Jones Indices, Factsheet und Indexdaten S&P 500 (Gewicht der zehn größten Konstituenten, Stand Ende Juli 2026)
  • Fondsunterlagen großer S&P-500-Indexfonds (Einzelgewichte Nvidia, Apple, Microsoft; Bestandsstichtag 30.06.2026)
  • RBC Wealth Management, Analyse zur Marktkonzentration (Vergleich zum Jahresende 2025 und zum langfristigen Durchschnitt)
  • S&P Dow Jones Indices, S&P 500 Equal Weight Index (Vergleichsvariante mit gleichen Gewichten)

Hinweis: Keine Anlageberatung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung, weder für noch gegen ETFs. Indexgewichte nach bestem Wissen aus mehreren unabhängigen Quellen zusammengetragen (Stand Ende Juli 2026, Einzelgewichte zum Fonds-Stichtag 30.06.2026); solche Werte schwanken täglich, prüfe sie vor eigenen Entscheidungen selbst nach. Die Beispielrechnung ist ein Modell mit frei gewählten Annahmen und keine Prognose. Der Autor investiert selbst in Einzelaktien nach dem Regelwerk dieser Website, ein möglicher Bias, den du beim Lesen kennen solltest. Details: Disclaimer & Risikohinweis.

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