Die ETF-Staffel, Teil 1: Wenn alle dasselbe kaufen
⏱ Kurz gesagt: Passiv heißt nicht neutral: Ein marktbreiter ETF kauft automatisch am meisten von dem, was schon am größten ist. Die zehn größten Titel im S&P 500 wiegen aktuell gut 36 % des Index, nach rund 41 % zum Jahreswechsel. Der Rückgang ändert wenig am Befund: Historisch ist das immer noch ungewöhnlich viel. Ob die ETF-Geldflut diese Konzentration zusätzlich verstärkt, ist eine plausible These, aber die Forschung dazu ist nicht eindeutig. Und das größte Aber gleich vorweg: Für die meisten Menschen bleibt der breite ETF trotzdem der beste reale Weg – deshalb endet diese Staffel mit einem ehrlichen Pro-ETF-Fazit.
Wenn du heute 100 € in einen ETF auf den S&P 500 steckst, kaufst du damit 500 der größten Unternehmen der USA. So steht es überall, und so stimmt es auch. Was seltener dazugesagt wird: Rund 36 € von deinen 100 € landen in gerade einmal zehn Firmen. Eine Frage, die zu Recht immer wieder aufkommt: Warum besparen wir als Familie Einzelaktien mit strengen Obergrenzen und nicht einfach „den Markt"? Diese vierteilige Staffel ist meine ausführliche Antwort. Sie läuft in Teil 4 auf ein Urteil zugunsten des ETFs hinaus, das darf ich vorab verraten. Vorher schauen wir aber genau hin, was da eigentlich im Einkaufswagen liegt.
Was „passiv" wirklich heißt
Ein marktbreiter Index-ETF hat keinen Manager, der Bilanzen liest, Geschäftsmodelle vergleicht und am Ende prüft, ob der Preis dafür noch stimmt. Er folgt einer einzigen Regel, nämlich jedes Unternehmen nach seinem Börsenwert zu gewichten. Der Index gibt die Gewichte vor, und das einzige Kriterium, das er dabei kennt, ist Größe. Steigt eine Aktie, wächst ihr Gewicht automatisch mit, und jeder frische Sparplan-Euro fließt zum größeren Teil in genau diese Aktie. Das ist so gebaut, und zwar mit Absicht. Dieses Design hat gewaltige Stärken: Es ist billig, es ist diszipliniert, und die große Mehrheit aktiv gemanagter Fonds hat es über lange Zeiträume schwer gehabt, den Index nach Kosten zu schlagen. Nur neutral ist es eben nicht. Ob der größte Titel im Index bei seinem heutigen Kurs teuer oder günstig ist, prüft in dieser Kette niemand. Gekauft wird trotzdem.
Zehn Namen, gut ein Drittel
Dazu die Zahlen, Stand Ende Juli 2026 – solche Gewichte schwanken täglich, deshalb bewusst gerundet: Die zehn größten Titel im S&P 500 bringen zusammen gut 36 % des Index auf die Waage. Der größte Einzeltitel, Nvidia, wiegt für sich rund 7 %, dahinter folgen Apple mit gut 6 % und Microsoft mit gut 4 %. Diese drei allein machen etwa 18 % aus, fast ein Fünftel des gesamten Index. Zur Einordnung: Langfristig lag der Anteil der Top 10 im Schnitt bei rund 24 %, und der letzte Hochpunkt vor der aktuellen Phase, etwa 28 %, stammt aus der Zeit um 1970. Die übrigen 490 Unternehmen teilen sich die verbleibenden knapp 64 %.
Eine Zahl gehört unbedingt dazu, weil sie der Geschichte widerspricht, die man gerade überall liest: Zum Jahreswechsel lag das Gewicht der Top 10 noch bei rund 41 %. Es ist seither also spürbar gefallen. Wer die Konzentration als unaufhaltsam wachsende Gefahr erzählt, erzählt eine Entwicklung, die zuletzt in die andere Richtung lief. Am Grundbefund ändert das nichts, weil auch 36 % weit über dem historischen Schnitt liegen. An der Dramaturgie ändert es einiges, und das sollte man wissen, bevor man daraus Schlüsse zieht.
Die Herdentrieb-These – und was sie nicht beweist
Aus dieser Arithmetik wird gern eine steile These gemacht. Weil Monat für Monat Milliarden ungeprüft in dieselben Indexschwergewichte fließen, treibe das passive Geld deren Kurse zusätzlich nach oben, eine Herde also, die sich selbst verstärkt, ganz ohne böse Absicht. Ich halte diese These für plausibel, sonst würde ich diese Staffel nicht schreiben. Aber ich muss sie ehrlich als das kennzeichnen, was sie ist: eine Hypothese, die sich bislang nicht beweisen lässt. Soweit ich die Fachdebatte überblicke, gibt es Hinweise in beide Richtungen, manche Untersuchungen finden preisverstärkende Effekte passiver Geldflüsse, andere sehen kaum messbare Wirkung. Eindeutig ist die Forschung schlicht nicht.
Dazu kommt eine unbequeme Gegenerklärung. Vielleicht sind die Giganten einfach deshalb so schwer, weil sie tatsächlich einen historisch großen Anteil der Unternehmensgewinne verdienen, und dann spiegelt die Konzentration schlicht die Gewinnrealität. Vermutlich steckt von beidem etwas drin; ehrlicher kann ich es nicht sagen. Wer dir das eindeutiger verkauft, verkauft dir eine Gewissheit, die es an dieser Stelle nicht gibt.
Das große Aber: Für die meisten bleibt der ETF der richtige Weg
Bevor jetzt jemand seinen Sparplan kündigt: bitte nicht, und schon gar nicht wegen dieses Textes. Für die meisten Menschen ist der breite, günstige ETF der beste reale Weg zum Vermögensaufbau. Er verlangt keine Titelauswahl, keine Geschäftsberichte und keine Verkaufsdisziplin, er ist in Deutschland schon ab 1 € Sparrate zu haben, und er schützt vor dem teuersten Fehler überhaupt, nämlich gar nicht oder planlos zu investieren.
Unser Familiensystem mit Einzeltiteln kostet dagegen Zeit, Wissen und schriftliche Regeln; wer das nicht aufbringen will, fährt mit dem ETF mit hoher Wahrscheinlichkeit besser als mit halbherzigem Aktien-Picken. Genau deshalb bekommt der ETF in Teil 4 dieser Staffel sein verdientes Schlusswort, ohne Augenzwinkern und ohne verstecktes Kleingedrucktes.
Was das für einen Einkommens-Anleger bedeutet
Warum gehen wir als Familie trotzdem den anderen Weg? Weil unser Ziel ein anderes ist: planbare, wachsende Ausschüttungen, von denen irgendwann echte Rechnungen bezahlt werden sollen. Für dieses Ziel behandelt unser Regelwerk Konzentration als Risiko, das man deckelt, bevor es entsteht: maximal 10 % je Einzeltitel, maximal 25 % je Sektor, im Vermögensaufbau-Depot zusätzlich ein Technologie-Deckel von 20 %. Ein Korb mit gut 36 % in zehn Namen und rund einem Drittel in einer einzigen Themen-Story aus Big Tech und KI käme durch diese Prüfung nicht durch.
Das heißt ausdrücklich nicht, dass unser Weg überlegen wäre – die Kursentwicklung der letzten Jahre spricht sogar für die Schwergewichte, sonst wären sie nicht so schwer geworden. Wir kennen und begrenzen unser Klumpenrisiko eben nur bewusst, während der ETF-Sparer seines meist trägt, ohne es überhaupt zu kennen. Das wenigstens sollte er ändern.
Zum Mitnehmen
Passiv heißt, dass der Index entscheidet, und zwar allein nach Größe und ohne jedes Bewertungsurteil. Aktuell führt das zu einer historisch seltenen Konzentration, deren Ursache niemand sicher benennen kann: Herdeneffekt, starke Fundamentaldaten oder beides. Daraus folgt kein ETF-Verbot, sondern eine Hausaufgabe: Wisse, was du besitzt, und wie viel davon an einer einzigen Story hängt. Wenn du das für dein eigenes Depot durchrechnen willst, findest du in unserer Werkzeugkiste den „Klumpen-Check". Er prüft deine Positionen gegen die Deckel aus unserem Regelwerk (freischaltbar mit Talern, die es fürs Dranbleiben gibt). In den nächsten Teilen rechne ich das Klumpenrisiko konkret durch und nehme mir danach die Themen-ETFs vor, jene Ecke des Regals, in der aus „passiv" längst wieder ein Modegeschäft geworden ist. Nächsten Mittwoch geht es hier weiter mit Teil 2: dem Klumpenrisiko in Zahlen.
Zum Weiterlesen (allgemeine, unabhängige Quellen):
- S&P Dow Jones Indices, Factsheet S&P 500 (Indexgewichte der größten Konstituenten, Stand Ende Juli 2026)
- Fondsunterlagen der großen S&P-500-Indexfonds (Einzelgewichte Nvidia, Apple, Microsoft, Bestandsstichtag 30.06.2026)
- S&P Dow Jones Indices, SPIVA Scorecard (Anteil aktiv gemanagter Fonds hinter dem Vergleichsindex)
- Lord Abbett, Analyse zur Aktienmarkt-Konzentration (historischer Vergleich des Top-10-Gewichts)
Hinweis: Keine Anlageberatung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung – weder für noch gegen ETFs. Indexgewichte nach bestem Wissen zusammengetragen (Stand Ende Juli 2026, Einzelgewichte zum Fonds-Stichtag 30.06.2026); solche Werte schwanken täglich. Der Autor investiert selbst in Einzelaktien nach dem Regelwerk dieser Website, ein möglicher Bias, den du beim Lesen kennen solltest. Details: Disclaimer & Risikohinweis.
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