Wenn das Dividendenwachstum die Inflation schlägt, und warum es das muss

01.08.2026 · Kategorie: Grundlagen & Steuern

⏱ Kurz gesagt: Schon bei braven 2 % Inflation halbiert sich die Kaufkraft deines Geldes in rund 35 Jahren. Das ist schlichte Zinseszins-Mathematik. Eine Dividende, die jedes Jahr gleich bleibt, ist deshalb in Wahrheit eine schrumpfende Dividende. Unser Regelwerk macht Dividendenwachstum darum zur K.O.-Bedingung, und der Einkommens-Planer auf dieser Seite zeigt dir den Unterschied schwarz auf weiß – für deine eigenen Zahlen. Eines muss ich gleich hier vorne sagen. Wachstum der Vergangenheit garantiert kein Wachstum der Zukunft. Deshalb prüfen wir Erhöhungs-Streak und Ausschüttungsquote immer gleich mit.

2,3 %. So hoch war die deutsche Inflationsrate im Juni, meldet das Statistische Bundesamt. Klingt unspektakulär, fast nach Entwarnung. Und trotzdem ist diese unscheinbare Zahl der Grund, warum unser Familien-Regelwerk eine Regel enthält, die auf den ersten Blick streng wirkt. Ein Unternehmen, das seine Dividende nicht regelmäßig erhöht, hat in unseren Depots nichts verloren. Warum wir da so kompromisslos sind und was das mit deinem Handyvertrag in zwanzig Jahren zu tun hat, rechne ich dir heute vor.

Die Regel 70: kleine Zahl, große Wirkung

Es gibt eine Faustformel, die jeder kennen sollte, der über Jahrzehnte plant: Teile 70 durch die jährliche Rate, und du bekommst ungefähr die Zahl der Jahre bis zur Verdopplung, oder, bei Inflation, bis zur Halbierung der Kaufkraft. Bei 2 % Inflation heißt das: 70 geteilt durch 2 sind 35 Jahre. Die verwandte Regel 72 liefert 36 Jahre, die exakte Rechnung mit dem Logarithmus landet bei ziemlich genau 35. Die Faustformel trifft hier also ins Schwarze. Und 35 Jahre, das ist ungefähr die Spanne zwischen dem ersten Berufsjahr und der Rente.

Wohlgemerkt, diese 2 % sind das erklärte Ziel der Notenbanken, also das Wunschszenario. Selbst wenn die Geldpolitik liefert, was sie verspricht, hat sich dein Euro bis zur Rente halbiert. Bei den 2,3 % vom Juni geht es etwas schneller, nach der Regel 70 sind es rund 30 Jahre.

Ein konstanter Zahler ist ein schrumpfender Zahler

Jetzt die Übersetzung ins Depot, als einfache Modellrechnung mit runden Zahlen. Dein Depot zahlt 1.000 € Dividende im Jahr, und das Unternehmen erhöht nie. Bei konstant 2 % Inflation kannst du dir davon nach zehn Jahren real noch Waren für rund 820 € kaufen. Nach zwanzig Jahren sind es rund 670 €, und am Ende der 35 Jahre bleiben rund 500 €.

Auf dem Papier hat dich dabei niemand betrogen, die Zahl auf dem Kontoauszug stimmt ja jedes Jahr.

Aber dein Bäcker rechnet in echten Preisen, und dein Stromanbieter und dein Vermieter tun es auch. Für die ist dein „zuverlässiger Zahler" ein Zahler, der dir jedes Jahr heimlich etwas wegnimmt. Die gute Nachricht steckt in der Umkehrung. Wächst die Dividende jedes Jahr mindestens um die Inflationsrate, bleibt deine Kaufkraft stabil. Legt sie schneller zu, wirst du real jedes Jahr ein Stück reicher, ohne einen Euro nachzuschießen. Genau das meint die Überschrift dieses Beitrags. Das Wachstum muss die Inflation schlagen, sonst arbeitet die Zeit gegen dich.

Warum unser Trichter Wachstum zur Pflicht macht

Deshalb ist Dividendenwachstum in unserem Regelwerk eine harte Bedingung, an der ein Kandidat scheitern kann. Der Trichter verlangt mindestens zehn Jahre Dividende ohne Kürzung und eine gedeckelte Ausschüttungsquote. Dazu kommt eine Wachstums-Vitalität, denn das Dividendenwachstum der letzten drei Jahre muss mindestens die Hälfte des Zehn-Jahres-Schnitts schaffen, damit ein Titel nicht heimlich einschläft. In der Chowder-Zahl, mit der wir Kandidaten sortieren, steht das Wachstum sogar gleichberechtigt neben der Rendite: Dividendenrendite plus Dividendenwachstum, bei uns in konservativer Form mit dem Minimum aus 3- und 5-Jahres-Wachstum, damit uns kein Zyklushoch blendet. Unterm Strich läuft der Trichter genau darauf hinaus, dass die Dividende schneller wächst als die Inflation.

Ganz ehrlich, das Gegenargument dazu ist nicht von der Hand zu weisen. Starke Wachstumszahler starten oft mit mickriger Rendite, und „Wachstum" kann zur Ausrede werden, mit der man sich Kurshoffnung als Einkommen schönredet. Darum die harte Sperre im Regelwerk: Wachstum über 8 % zählt bei uns nur mit einer Startrendite von mindestens 1 %. Wer heute fast nichts zahlt, darf noch so schön wachsen. Er kommt neu nicht mehr rein. Die eine Alt-Ausnahme mit Bestandsschutz und hartem Rendite-Boden heißt Broadcom, und warum sie bleiben darf, steht im Depot-im-Detail-Beitrag.

Der Einkommens-Planer rechnet genau das

Man kann diese Effekte zehnmal lesen und glaubt sie doch erst, wenn man sie an den eigenen Zahlen sieht. Dafür gibt es den Einkommens-Planer, kostenlos, ohne Konto, alles läuft direkt in deinem Browser. Du gibst Startkapital, Sparrate und deine Annahmen ein, und der Planer zeichnet deinen künftigen Dividendenstrom, daneben als gestrichelte Linie dieselbe Kurve in heutiger Kaufkraft, jedes Jahr mit der eingestellten Inflation zurückgerechnet. Der Abstand zwischen den beiden Linien ist exakt das, worüber wir hier reden.

Die Meilenstein-Treppe darunter übersetzt die Kurve in Alltag: ab wann die Netto-Dividende allein – ohne Rente, in heutiger Kaufkraft – deinen Handyvertrag zahlt, den Strom, irgendwann die Miete. Für die Vorsichtigen gibt es zwei Bremsen zum Zuschalten: einen dauerhaften Sicherheits-Abschlag auf jede erwartete Dividende und einen Stress-Test, der die Dividende im ersten Bezugsjahr dauerhaft kürzt, so wie eine echte Krise es täte.

Der ehrliche Haken

Bleibt der Punkt, an dem ich selbst am längsten gekaut habe. Vergangenes Dividendenwachstum ist eine Auskunft über die Vergangenheit und noch lange kein Versprechen für die Zukunft. Ein Unternehmen kann zwanzig Jahre lang erhöht haben und im einundzwanzigsten kürzen. Deshalb steht das Wachstum bei uns nie allein. Der Erhöhungs-Streak zeigt, ob das Management die Dividende auch durch Krisen verteidigt hat. Die Ausschüttungsquote sagt dir, ob für künftige Erhöhungen überhaupt Luft ist. Eine Dividende, die fast den ganzen Gewinn auffrisst, kann nicht dauerhaft wachsen, egal wie schön die Historie aussieht.

Zum Mitnehmen

Inflation ist der stille Gegenspieler jedes Einkommensplans, und sie schlägt nicht mit einem Crash zu, sondern mit 2 % Geduld, Jahr für Jahr. Ein Depot voller konstanter Zahler fühlt sich sicher an und wird trotzdem jedes Jahr real kleiner. Mein Vorschlag fürs Wochenende: Nimm dir zehn Minuten und rechne deine eigenen Zahlen im Einkommens-Planer durch. Mach dabei das eine Experiment und stell das Dividendenwachstum exakt auf die Inflationsrate. Dann schau zu, wie die gestrichelte Kaufkraft-Linie flach wird. Und wenn du sehen willst, wie wir diese Wachstums-Regeln in einem echten Depot mit echten Sparraten umsetzen – welche 20 Titel bei uns monatlich bespart werden und warum –, das steht im Depot-im-Detail-Beitrag.

Zum Weiterlesen (allgemeine, unabhängige Quellen):

  • Statistisches Bundesamt (Destatis), Verbraucherpreisindex, Pressemitteilung zur Inflationsrate Juni 2026 (+2,3 %)
  • Deutsche Bundesbank, Grundlagenwissen zu Inflation, Kaufkraft und Preisstabilität
  • Europäische Zentralbank, das Preisstabilitätsziel von 2 %

Hinweis: Keine Anlageberatung; Modell- und Beispielrechnungen stark vereinfacht (konstante Inflationsrate, ohne Kosten und individuelle Steuersituation). Der Autor investiert selbst nach der beschriebenen Strategie. Details: Disclaimer & Risikohinweis.

Fandest du den Beitrag nützlich? Weitersagen:WhatsAppTelegramE-Mail

Weiterlesen

📬 Der Sonntagsbrief. Einmal pro Woche die neuen Beiträge und ein paar ehrliche Sätze dazu – kein Spam, keine Werbung, Abmeldung mit einem Klick.

Kommentare

🪙 Noch keine Kommentare – deiner wäre der erste. Qualifizierte Kommentare (echte Fragen, eigene Erfahrungen, Widerspruch mit Argumenten) bringen 10 Taler, bis zu dreimal am Tag.

Melde dich an, um mitzudiskutieren – freigegebene Kommentare bringen Taler.