Warum Visa und Mastercard bei uns trotzdem nicht im Depot sind

05.08.2026 · Kategorie: Strategie & Regelwerk

⏱ Kurz gesagt: Visa und Mastercard gehören zu den besten Geschäftsmodellen, die je durch unser Screening gelaufen sind, ein Zahlungs-Duopol mit Traummargen und seit Jahren zweistelligem Dividendenwachstum. Trotzdem stehen beide nicht im Depot: Mit rund 0,75 beziehungsweise 0,65 % Dividendenrendite scheitern sie an der 1-%-Mindestschwelle unseres Regelwerks. Diese Sperre kostet vermutlich Gesamtertrag, aber sie verhindert, dass aus unserem Einkommens-Depot schleichend ein Wachstums-Depot wird.

Jedes Mal, wenn du an der Supermarktkasse die Karte ans Terminal hältst, verdient mit hoher Wahrscheinlichkeit Visa oder Mastercard ein paar Cent mit, ohne dir dafür Geld zu leihen und ohne ein Ausfallrisiko zu tragen. Filialen brauchen sie dazu keine. Visa schafft damit Nettomargen von über 50 % und hat die Dividende seit dem Börsengang 2008 jedes Jahr erhöht, zuletzt um 14 %. Als ich unser Vermögensaufbau-Depot zusammengestellt habe, standen beide Namen ganz oben auf meiner Wunschliste. Gekauft habe ich sie trotzdem nicht. Schuld ist eine einzige Zeile in unserem Regelwerk, die genau für solche Momente geschrieben wurde.

Die vielleicht beste Mautstelle der Welt

Visa und Mastercard betreiben zusammen das Straßennetz des weltweiten Bezahlens und kassieren an jeder Auffahrt eine winzige Maut. Verdient wird an der schieren Zahl der Transaktionen, und die wächst, weil weltweit das Bargeld auf dem Rückzug ist. Die Dividenden-Zahlen lesen sich entsprechend: Ausschüttungsquoten von rund 23 % (Visa) und rund 18 bis 20 % (Mastercard), Dividendenwachstum von rund 15 beziehungsweise 14 % pro Jahr über fünf Jahre, siebzehn Erhöhungen in Folge bei Visa, vierzehn bei Mastercard.

Die eine Zahl, an der beide scheitern

Am Ende hängt bei uns aber alles an einer einzigen Zahl. Visa rentiert aktuell mit rund 0,75 %, Mastercard mit rund 0,65 %; je nach Tageskurs und Quelle mal ein Zehntel mehr, in jeder Lesart aber klar unter 1 %. Unser Regelwerk kennt für solche Titel nur eine mögliche Rolle: B, den Wachstumsmotor, Dividendenwachstum über 8 % pro Jahr, aber nur mit einer Startrendite von mindestens 1 %. Rolle A verlangt 2 bis 3 % Rendite, Rolle C über 4 %; davon sind beide meilenweit entfernt. Auch ihre starken Chowder-Zahlen – bei Visa rund 16, bei Mastercard knapp 15 – helfen da nicht weiter, denn ins Duell der Stufe 4 kommt nur, wer vorher Stufe 2 übersteht.

Wozu eine Sperre, die Weltklasse aussortiert?

Weil sie sich gar nicht gegen Visa richtet. Sie richtet sich gegen mich, gegen den Moment, in dem ich unbedingt eine Ausnahme machen will. Bei 0,75 % Rendite kaufen 10.000 € ungefähr 75 € Jahresdividende, wer das ein Einkommensinvestment nennt, sagt „Dividendenwachstum" und meint Kurshoffnung. Genau vor diesem Selbstbetrug soll die Sperre schützen. Denn Stil-Drift schleicht sich über eine Serie von Ausnahmen ein, entschieden hat man sie nie. Erst nimmt man Visa rein, weil das Wachstum die Rendite „schon noch aufholt". Mastercard folgt, weil man Visa ja auch genommen hat. Und ein paar Monate später steht der nächste glänzende Name mit 0,6 % Rendite auf der Liste. Drei Jahre später hält man ein Wachstumsdepot mit Dividenden-Deko, und der Plan, irgendwann von Ausschüttungen zu leben, ist unbemerkt gestorben. Ein Regelwerk, das ich nur befolge, solange es leichtfällt, brauche ich gar nicht erst aufzuschreiben.

Das ehrliche Gegenargument: Total Return

Jetzt zur anderen Seite. Wer in den vergangenen Jahren auf den Gesamtertrag aus Kurs plus Dividende geschaut hat, hatte mit Visa und Mastercard vermutlich die bessere Gesamtrechnung. Das ist zumindest meine Lesart der letzten Jahre. Wer bewusst ein Total-Return-Depot fährt, für den ist eine Rendite-Sperre wie unsere das falsche Werkzeug. Unser Ziel ist nur ein anderes: ein Einkommensstrom, mit dem man rechnen kann. Der Einkommens-Planer kalkuliert mit Ausschüttungen – mit Geld, das jedes Jahr ankommt, egal, wo der Kurs gerade steht. Die Dividende hat bei uns außerdem einen zweiten Job. Sie ist der Verhaltens-Anker, der die Familie im Crash investiert hält. Wenn die Kurse fallen, kommt trotzdem jeden Monat Geld an, bei 0,7 % Rendite ist dieser Anker so leicht, dass er nichts mehr hält.

„Und was ist mit eurem Broadcom?"

Der Einwand kommt zu Recht. Im Vermögensaufbau-Depot liegt Broadcom, bei rund 0,7 % Rendite, also sogar unter Visa. Nur liegt der Fall anders. Broadcom kam durch den Trichter, als die Rendite über der Schwelle lag, und seither ist der Kurs der Dividende davongelaufen, die weiter kräftig wächst. Für diesen Fall kennt das Regelwerk einen Bestandsschutz mit hartem Boden bei 0,70 %; die Position hat dazu ihre eigenen Auflagen, nachzulesen im Depot-im-Detail-Beitrag. Halten und Neukaufen sind eben zwei verschiedene Entscheidungen. Als frischer Kandidat würde Broadcom heute an derselben Sperre scheitern wie Visa und Mastercard.

Mein Fazit: Nicht Papierkorb, sondern Wartebank

Visa und Mastercard sind für mich das beste Argument für unser Regelwerk, gerade weil sie so gut sind. Eine Regel, die nur die einfachen Fälle abräumt, hätte ich nie gebraucht. Ihren Wert zeigt sie erst da, wo mein Bauchgefühl laut „Ausnahme!" ruft. Aussortiert heißt dabei aber nicht für immer erledigt. Läuft so ein Kurs ein paar Jahre seitwärts, während die Dividende zweistellig weiterwächst, wandert die Rendite irgendwann über die Schwelle, und dann läuft der Trichter ganz normal. Genau dafür führen wir eine Beobachtungsliste. Welche fünf Titel dort sitzen, mit welchen Kennzahlen sie antreten – und welcher von ihnen die 1-%-Tür sogar schon wieder passiert hat –, steht seit Sonntag im Premium-Beitrag „Die Ersatzbank" (freischaltbar mit Talern, die es fürs Dranbleiben gibt, so funktioniert's).

Hinweis: Keine Anlageberatung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung, weder für noch gegen die genannten Titel. Alle Zahlen nach bestem Wissen zusammengetragen (Stand Juli 2026, Quellen: Investor-Relations-Mitteilungen von Visa, Mastercard und Broadcom sowie Finanzportale); Kennzahlen wie die Chowder-Zahl sind eigene Berechnungen nach dem Regelwerk dieser Website. Transparenz: Der Autor hält Visa und Mastercard in keinem der hier besprochenen Depots; Broadcom hält er selbst (siehe Portfolio), ein Interessenkonflikt, den du beim Lesen kennen solltest. Diese Analyse entstand ohne Auftrag oder Vergütung Dritter. Details: Disclaimer & Risikohinweis.

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