Warum ich meine Rechnungen nicht mit Kursgewinnen bezahle

07.07.2026 · Kategorie: Strategie & Regelwerk

⏱ Kurz gesagt: Zwei Rentner mit exakt derselben Durchschnittsrendite trennen nach 20 Jahren 420.000 €, nur weil der Crash bei einem früher kam. Wer im Ruhestand Anteile verkaufen muss, trägt dieses Reihenfolge-Risiko in seinem Einkommen; wer von wachsenden Dividenden lebt, hat es dort nicht. Das ist keine Rendite-Magie, es ist eine andere Risikoform, und darum dreht sich diese Website.

Vor ein paar Wochen saß ich mit einem Bekannten beim Kaffee. Ende fünfzig, ordentliches Depot, ETF-Sparer der ersten Stunde. Eigentlich hat er alles richtig gemacht. Dann sagte er einen Satz, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: „Ab 63 verkaufe ich dann jedes Jahr vier Prozent, das reicht locker." Ich fragte ihn, was er macht, wenn die Börse in seinem zweiten Rentenjahr um 40 Prozent fällt. Er zuckte mit den Schultern: „Dann ist der Durchschnitt halt mal schlechter. Langfristig gleicht sich das aus."

Genau das tut es nicht. Und weil dieser Irrtum so verbreitet und so teuer ist, habe ich ihn durchgerechnet.

Zwei Rentner, gleiche Rendite, 420.000 € Unterschied

In meinem Modell starten zwei Ruheständler mit je 500.000 € und entnehmen 22.000 € im Jahr, mit Inflationsausgleich. Beide erleben über 20 Jahre exakt dieselben Jahresrenditen – im Schnitt 8,7 % pro Jahr, inklusive eines Crashs von −40 %. Der einzige Unterschied: Bei Rentner 1 kommt der Crash im Jahr 2, bei Rentner 2 im Jahr 15.

Nach 20 Jahren hat Rentner 1 noch 679.000 €, Rentner 2 dagegen 1.099.000 €. Startkapital, Konsum und Durchschnittsrendite waren bei beiden identisch, und trotzdem trennt sie am Ende fast eine halbe Million. Warum? Rentner 1 musste im Crash-Jahr seinen Lebensunterhalt aus einem Depot verkaufen, das 40 % billiger geworden war. Für dieselben Euros musste er zwei Drittel mehr Anteile abgeben. Genau diese Anteile fehlten ihm dann in der gesamten Erholung, und zurückholen konnte er sie nie wieder.

Die Fachwelt nennt das Sequence-of-Returns-Risiko. Für mich ist es schlicht das Roulette des Kapitalverzehrs: Wer für seinen Unterhalt verkaufen muss, wettet darauf, dass der Crash zu einem halbwegs gnädigen Zeitpunkt kommt. Aussuchen kann sich die Reihenfolge der Renditen aber niemand.

Liniendiagramm: Zwei Depots mit gleicher Durchschnittsrendite über 20 Jahre – früher Crash endet bei 679.000 Euro, später Crash bei 1.099.000 Euro
Die beiden Rentner im Bild: gleiche Ø-Rendite, 420.000 € Unterschied, reines Timing-Glück.

Der dritte Rentner

Jetzt setzen wir einen dritten Rentner ins Modell, mit demselben Startkapital und demselben Crash-Pfad wie der Pechvogel. Nur bezieht er seinen Lebensunterhalt nicht aus Verkäufen, sondern aus den Dividenden eines Depots aus Qualitätszahlern, Startausschüttung 22.500 €, wachsend mit 5,5 % pro Jahr, so wie es unsere Auswahlkriterien anpeilen.

Im Crash-Jahr passiert bei ihm schlicht nichts. Er bekommt unverändert seine 23.738 €. Ob ein Konsumgüterhersteller ausschüttet, entscheidet sich am Zahnpasta-Regal und nicht am Kurszettel. Über die 20 Jahre wächst sein Einkommen von 22.500 auf über 62.000 € im Jahr. Er konsumiert kumuliert rund 250.000 € mehr als die beiden Entnehmer, deren Budget nur mit der Inflation wuchs, und verkauft dafür keine einzige Aktie. Sein Depotwert schwankt selbstverständlich mit, im Crash sogar heftig. Aber sein Kontoauszug bleibt langweilig, und Langeweile ist im Ruhestand mehr wert, als die meisten vermuten.

Liniendiagramm: Dividendeneinkommen wächst über 20 Jahre deutlich über den inflationsbedingten Bedarf hinaus; im markierten Crash-Jahr bleibt das Einkommen unverändert
Der dritte Rentner im Bild: Sein Einkommen wächst dem Bedarf davon, das Crash-Jahr (grau) ändert daran nichts.

Was das Modell nicht sagt (und was Kritiker zu Recht anmerken)

Damit hier keine Dividenden-Romantik entsteht, die faire Gegenrechnung: Dividenden sind kein Gratisgeld. Am Ex-Tag geht die Ausschüttung vom Kurs ab, und bei identischer Gesamtrendite und identischem Konsum wäre das Endvermögen mathematisch gleich. Was hier hilft, ist also keine höhere Rendite. Es ist eine andere Verteilung des Risikos. Der Dividendenbezieher hat das Reihenfolge-Risiko aus seinem Einkommen entfernt, weil sein Geld aus den Unternehmensgewinnen kommt, an denen der Tageskurs nichts ändert. Die Prämisse dahinter, Ausschüttungen von Unternehmen mit zehn und mehr Jahren Erhöhungshistorie sind deutlich stabiler als deren Kurse – ist historisch gut belegt, aber keine Garantie. Deshalb hat unser Regelwerk harte K.O.-Kriterien für die Auswahl und ein klares Protokoll für den Fall der Fälle. Wird die Dividende gekürzt, fliegt der Titel sofort raus.

Fazit für dich

Wenn dein Ruhestandsplan das Wort „entnehmen" enthält, stelle dir eine Frage: Was passiert mit deinem Plan, wenn der Crash im zweiten Jahr kommt statt im fünfzehnten? Wenn die Antwort dich nervös macht, lies den Strategie-Leitfaden, dort steht, wie wir stattdessen ein Einkommen bauen, das nicht auf die Tageslaune der Börse angewiesen ist. Meinem Bekannten vom Kaffee habe ich übrigens genau diese Rechnung geschickt. Seine Antwort: „Okay. Erzähl mir mehr über diese Dividenden."

Hinweis: Modellrechnung mit vereinfachenden Annahmen (brutto, ohne Kosten und Steuern), keine Anlageberatung, keine Garantie für künftige Entwicklungen. Der Autor investiert selbst nach der beschriebenen Strategie. Details: Disclaimer & Risikohinweis.

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