Diversifiziert auf dem Papier, warum American Express trotzdem fliegen musste
⏱ Kurz gesagt: Jede Risiko-Schublade war einzeln im Limit, zusammen ergaben sie trotzdem 30 bis 40 % Finanzsektor in unseren Depots. Seitdem gilt eine neue Regel: ein Deckel über alle Finanztitel nach offizieller Sektor-Klassifikation. American Express hat sie als erste Position alle Depots verlassen.
Sonntagabend, der 6. Juli 2026. Eigentlich wollte ich nur die Jahresrevision unserer Familiendepots abschließen, also Kennzahlen prüfen, ein paar Häkchen setzen und dann Feierabend. Stattdessen habe ich eine Summenformel geschrieben, deren Ergebnis mir nicht gefallen hat. Am nächsten Tag flog American Express aus allen Depots. Das hier ist das Protokoll einer unbequemen Erkenntnis, und der Grund, warum unser Regelwerk seitdem eine Regel mehr hat.
Jede Schublade war im Limit. Alle Schubladen zusammen nicht.
Wir waren stolz auf unsere Ordnung: Die Finanztitel im Depot waren fein säuberlich in funktionale Töpfe sortiert – Versicherer hier, Kreditrisiko dort, Börsenbetreiber, Vermögensverwalter, Zahlungsverkehr. Für jeden Topf gab es eine Obergrenze, und jeder einzelne Topf war brav im Limit. Ein Depot wie aus dem Lehrbuch.
Dann habe ich an diesem Sonntag zum ersten Mal eine Formel über alle Töpfe gleichzeitig gelegt, nach der offiziellen Sektor-Klassifikation, die ein Versicherer, ein Vermögensverwalter und ein Kreditkartenkonzern nun einmal teilen. Das Ergebnis: 30 % Finanzsektor in meinem Depot. 35 % im Depot meiner Frau. 40 % im Zielbild der Kinderdepots. Wir hatten kein diversifiziertes Depot mit ein paar Finanztiteln. Wir hatten ein Finanzdepot mit Beilagen.
Das Tückische daran ist, dass auf dem Papier alles richtig war. Nur klemmen Töpfe, die im Aufschwung wunderbar verschieden aussehen, im Stress gemeinsam. Steigen die Kreditausfälle und fallen gleichzeitig die Märkte, dann leiden Versicherer, Asset Manager und Kreditkartenfirmen zur selben Zeit. Kleiner geworden war mein Risiko dadurch nicht. Es hatte nur ein neues Etikett bekommen.
Die Nudel-Erkenntnis, sechs Jahre später
Das Bittere daran ist, dass ich es längst wusste. Auf der ersten Version dieser Website, im Jahr 2020, stand wörtlich die Metapher, dass zehn Aktien aus demselben Sektor keine Streuung sind, Penne, Spaghetti, Tagliatelle: Am Ende des Tages bleiben es Nudeln. Die Intuition war also da. Was fehlte, war die Check-Formel, die diese Intuition erzwingt, und genau daran hängt der Unterschied zwischen einer Meinung und einer Regel. Die Meinung hatte ich sechs Jahre lang. Gewarnt hätte mich erst die Formel, und die hätte es sechs Jahre früher getan.
Die Konsequenz: eine neue Regel und ein Abgang
Seit dem 6. Juli gilt bei uns ein harter Sektor-Deckel von 25 % je Depot, und zwar zusätzlich zu allen funktionalen Unter-Clustern, niemals an ihrer Stelle. Jede einzelne Grenze bekommt außerdem ihre eigene Prüfformel im Depot-Sheet, denn was keine Formel bewacht, fällt mir früher oder später wieder erst an einem Sonntagabend auf.
Als Erstes traf die neue Regel American Express. Ein schlechtes Unternehmen ist das deshalb nicht; bei einem Verstoß gegen den Deckel muss schlicht der Titel gehen, der am schwächsten im Regelwerk verankert ist. AXP saß nur über einen Ausnahme-Slot im Depot (die Dividendenhistorie erfüllt unser 10-Jahres-Kriterium noch nicht, das Unternehmen hat die Ausschüttung in zwei Krisen jeweils jahrelang eingefroren) und war damit der logische Kandidat. Wiedervorlage: etwa 2030/31, wenn der Erhöhungs-Streak die zehn Jahre voll hat; dann darf AXP regulär durch den Trichter wie jeder andere auch. Das Protokoll steht, mit Datum und Begründung, im Änderungs-Log.
Fazit für dich
Zähl in deinem Depot nicht die Namen, zähl die unabhängigen Risiken, die dahinter stecken. Und dann mach den Test, der uns erwischt hat: Leg einmal eine einzige Summenformel über alles, was im Ernstfall gemeinsam fällt, egal wie unterschiedlich die Etiketten klingen. Wenn dir das Ergebnis nicht gefällt, geht es dir wie mir an jenem Sonntag. Dann bleibt nur noch die Frage, wie schnell du daraus eine Regel machst.
Hinweis: Dieser Beitrag dokumentiert private Anlageentscheidungen zu Bildungszwecken und ist keine Anlageberatung; genannte Unternehmen dienen nur der Illustration. Der Autor bzw. seine Familie hielten die genannte Position bis zum beschriebenen Verkauf. Details: Disclaimer & Risikohinweis.
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Kommentare
ein weiteres gutes Beispiel wäre der KI-Trend. Wenn man in MSCI World, S&P 500 oder selbst "Emerging Market" schaut, dann würde einem auffallen, dass obwohl alle auf dem ersten Blick unterschiedlich erscheinen dank Mag-7 oder deren Lieferanten TSMC (Top Position in den meisten "Emerging Markets"-ETFs) der KI-Trend massiv überrepräsentiert ist
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