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Was die Frühwarnung kann — und was nicht

Ein Warnsystem, das seine eigene Fehlerquote nicht zeigt, ist eine Meinung mit Formeln. Hier steht sie.

Diese Seite ist der Beleg hinter der Fußnote im Programm. Sie ist bewusst unbequem geschrieben: Sie nennt die Zahl, die für das Produkt spricht, und die Rechnung, die sie wieder einfängt. Wenn du nach dem Lesen weniger beeindruckt bist als vorher, hat die Seite ihren Zweck erfüllt.

1. Was überhaupt als Treffer zählt

Ohne diese Definition ist jede Trefferquote wertlos, weil sich der Nenner beliebig wählen lässt.

Ereignis: Ein Unternehmen senkt seine reguläre Dividende je Aktie gegenüber der vorherigen regulären Zahlung oder setzt sie aus. Sonderdividenden zählen nicht. Eine Kürzung durch eine Abspaltung, bei der die Summe aus beiden Titeln gleich bleibt, zählt ebenfalls nicht.

Treffer: Die Warnstufe stand vor dem Ereignis auf mindestens der geprüften Stufe. Nur vorher zählt — eine Warnung am Tag der Kürzung ist keine Frühwarnung.

Fehlalarm: Die Stufe stand an, das Ereignis blieb aus. Das ist ausdrücklich kein Fehler des Systems, sondern sein eingebauter Preis — mehr dazu in Abschnitt 5.

2. Stichprobe und Testverfahren

Geprüft wurde an 32 Fällen: 16 echte Dividenden­kürzungen zwischen 2008 und 2024 (GE, Kraft Heinz, Wells Fargo, Shell, BP, Occidental, Boeing, Carnival, Disney, GM, Ford, Simon Property, Vornado, Dominion, Lumen, AT&T) gegen 16 Kontrollfälle, die schwere Krisen ohne Kürzung überstanden haben. Jeder Fall wurde aus zwei unabhängigen Quellen bestätigt.

Die Kontrollen sind bewusst die schwierigen: Federal Realty, Altria, Realty Income, Chevron, ExxonMobil — Titel, die zeitweise aussahen wie Kürzungskandidaten. Eine Kontrollgruppe aus unauffälligen Titeln hätte die Zahlen geschönt.

Beobachtungsfenster je Fall: die 6 bis 12 Monate vor dem Ereignis. Gemessen werden dort acht Frühindikatoren — Unterdeckung des freien Mittelzuflusses, gesenkte Prognose, Herabstufung der Bonität, Ausschüttungsquote, gestoppter Aktienrückkauf, auffällige Rendite, Verschuldungssprung und die Länge der bisherigen Zahlungsserie.

Das Testverfahren ist ein Auslassungstest: Für jeden der 32 Fälle werden die drei Schwellen ausschließlich an den übrigen 31 eingestellt, und dann wird der ausgelassene Fall vorhergesagt. Kein Fall sieht je seine eigene Kalibrierung. Das ist der Test, der Selbstbetrug am schwersten macht.

3. Das Ergebnis

WarnstufePräzisionRecall90-%-Bereich
Beobachten57 %100 %43–74 %
Erhöht71 %94 %57–88 %
Akut79 %94 %65–94 %

Präzision: Anteil der Warnungen, denen eine Kürzung folgte. Recall: Anteil der Kürzungen, die vorher gewarnt wurden. Der 90-%-Bereich ist die Unschärfe, die bei 32 Fällen unvermeidlich bleibt.

Die Stärke liegt beim Recall: Alle 16 Kürzungen erreichten mindestens „Beobachten“, 15 von 16 sogar „Akut“. Der einzige Fall, der nur auf Beobachten kam, war AT&T 2022 — eine strategische Neuordnung nach einer Abspaltung, keine Notlage. Das ist ein erklärbarer Sonderfall und kein Zufallstreffer.

Wichtiger Vergleich, weil er das System klein macht: Eine einzige triviale Regel — „warne, wenn die Ausschüttungsquote zu hoch ist“ — erreicht 67 % Präzision bei 88 % Recall. Auf der reinen Ja-Nein-Ebene ist sie damit besser als unsere erste Stufe. Der Vorteil der Eskalation liegt woanders: Sie verpasst keine einzige Kürzung (100 % gegen 88 %) und sie schärft sich über die Stufen hinweg (57 → 71 → 79 %). Eine flache Regel kann das nicht. Als Ganzes schlägt die Leiter den billigen Konkurrenten, Stufe für Stufe nicht.

4. Die Zahl, die alles relativiert

Die 79 % oben bedeuten nicht, dass ein akut gewarnter Titel zu 79 % kürzt. Wer das so liest, überschätzt sein Risiko um ein Vielfaches.

Der Grund: Im Test standen 16 Kürzer gegen 16 Kontrollen, also eine Grundrate von 50 %. In der Wirklichkeit kürzen pro Jahr nur wenige Prozent der etablierten Dividendenzahler. Diese Verwechslung hat einen Namen — Grundraten-Fehler — und sie ist der häufigste Weg, wie Warnsysteme zu viel versprechen.

Sauber umgerechnet sieht es so aus. Aus Präzision und Recall lässt sich zurückrechnen, um welchen Faktor eine Warnung die Erwartung verschiebt. Dieser Faktor lässt sich dann auf jede Grundrate anwenden:

WarnstufeFaktorbei 2 %bei 5 %bei 10 %
Beobachten1,3×2,6 %6,5 %12,8 %
Erhöht2,4×4,8 %11,4 %21,4 %
Akut3,8×7,1 %16,5 %29,5 %

Drei Grundraten stehen da, weil die wahre Quote nicht feststeht: In ruhigen Jahren liegt sie am unteren Rand, 2020 lag sie weit darüber. Such dir die Spalte aus, die zu deinem Marktbild passt.

Was daraus folgt, ist das ehrliche Verkaufsargument: Ein akutes Signal verschiebt die Erwartung ungefähr um das Vierfache. Das ist ein belastbarer Hinweis und ein guter Grund, sich den Titel anzusehen. Es ist keine Vorhersage. In der Mehrzahl der Fälle kürzt auch ein akut gewarnter Titel nicht. Nachrechnen kannst du das mit scanner/backtest/grundrate.mjs.

Stell die Zahl selbst ein. Wähle ein Marktumfeld und eine Warnstufe — die Figuren zeigen, wie viele von 100 Titeln in dieser Lage übers Jahr tatsächlich kürzen.

Marktumfeld (Grundrate)
ruhiges Marktumfeld
Warnstufe

7,1 von 100 Titeln mit Stufe „Akut" kürzen übers Jahr — statt 2 von 100 ohne Warnung. Die Warnung verschiebt die Erwartung um das 3,8-Fache.

Das ist die ehrliche Lesart der Trefferquote: Eine Warnung ist ein Grund hinzusehen, keine Vorhersage. Auch ein akut gewarnter Titel kürzt in der Mehrzahl der Fälle nicht. Zahlen exakt aus der Tabelle oben, nachrechenbar mit grundrate.mjs.

5. Wo das System versagt

Die Präzision der obersten Stufe liegt bei 79 % und nicht bei 95 %. Das ist keine Frage der Einstellung, sondern eine Grenze der Daten. In einem systemischen Einbruch — Ölpreis 2020 — zeigten überlebende Aristokraten dieselben Krisensignale wie die tatsächlichen Kürzer. Chevron und ExxonMobil erreichten höhere Werte als viele echte Kürzungsfälle: Lücke im Mittelzufluss, zurückgezogene Prognose, gestoppter Rückkauf, negativer Ausblick. Beide zahlten weiter.

Keine Schwelle kann diese beiden aussortieren, ohne echte Kürzer mitzunehmen. Und die Länge der Zahlungsserie hilft nicht: Shell kürzte nach 75 Jahren, Occidental nach 30.

Zwei Schutzsignale sind deshalb nachgerüstet — die Bilanzstärke und die Aussage des Managements zur eigenen Dividende. In der Gegenprobe fallen Chevron und ExxonMobil damit von „Akut“ auf „Beobachten“, während kein einziger echter Kürzer entschärft wird. Diese Verbesserung ist allerdings an derselben Stichprobe geprüft, an der das Problem entdeckt wurde. Sie zählt daher als plausibel, nicht als belegt.

Was wir bewusst nicht getan haben: an den Gewichten drehen, bis eine schönere Zahl herauskommt. Bei 32 Fällen wäre das keine Verbesserung, sondern eine Anpassung an den Zufall.

6. Zwei Zahlen, die hier fehlen

Beide werden regelmäßig verlangt, und beide lassen sich aus diesem Testaufbau nicht seriös gewinnen.

Fehlalarme je 100 Titel und Jahr. Dafür bräuchte es einen Jahrgang echter Titel, nicht 32 ausgewählte Fälle. Unsere Kontrollen sind absichtlich die schwierigsten — eine Hochrechnung aus ihnen würde die Fehlalarmquote deutlich überzeichnen. Die Zahl kommt aus dem laufenden Archiv, nicht aus dem Rückblick.

Mittlerer Vorlauf in Tagen. Der Test hat nur geprüft, ob im Fenster von 6 bis 12 Monaten gewarnt wurde, nicht wie viele Tage vorher. Auch diese Zahl misst erst der laufende Betrieb.

7. Was überwacht wird — und was nicht

Die Frühwarnung liest Pflichtveröffentlichungen der US-Börsenaufsicht. Das ist eine hervorragende Quelle: amtlich, vollständig, zeitgestempelt und kostenlos für jeden nachprüfbar. Sie hat aber eine harte Grenze.

Europäische Titel sind derzeit nicht abgedeckt. SAP, Allianz, Siemens, Henkel, Beiersdorf, Deutsche Post, Infineon, Hannover Rück und weitere melden nicht bei der US-Aufsicht. Für sie gibt es keine Ereignis-Überwachung.

Im Programm sind diese Titel als nicht überwachtgekennzeichnet. Ihre Warnstufe entsteht allein aus den Kennzahlen, die du selbst einträgst. Ein ruhiges „Ruhig“ heißt dort also nicht „geprüft und unauffällig“, sondern „nicht geprüft“.

Das ist die unangenehmste Zeile auf dieser Seite, und sie steht hier, weil das Gegenteil — sie wegzulassen — genau die Sorte Lücke wäre, vor der dieses Werkzeug schützen soll. Eine europäische Quelle ist vorgesehen; bis sie läuft, gilt die Einschränkung.

Aus derselben Quelle kommen seit dem 30.07.2026 auch harte Zahlen: die Frage, ob die Dividende aus der laufenden Ertragskraft bezahlt wird oder aus Reserven. Weil diese Ertragskraft je Geschäftsmodell eine andere Größe ist, wird jede Gattung an ihrer eigenen gemessen:

Geschäftsmodellgemessen amungedeckt abknapp ab
Industrie, Konsum, Technologiefreien Mittelzufluss100 %85 %
Immobilien und PipelinesFFO (NAREIT-Näherung)90 %80 %
BeteiligungsgesellschaftenNettozinsertrag100 %90 %
Versicherer, Banken, VersorgerErgebnis, 3-Jahres-Schnitt100 %85 %

Ein „ungedeckt“ zählt als volles Warnsignal, ein „knapp“ als halbes. Ist die Basis selbst negativ, während die Dividende weiterläuft, ist das ebenfalls ein volles Signal — so sahen GE 2016, Kraft Heinz 2017 und Boeing 2019 aus. Zu jeder Zahl wird mitgeschrieben, aus welcher Bilanzposition sie stammt.

Drei Vorsichtsregeln begrenzen die Aussagekraft bewusst. Stammt eine Quote aus einem breiteren Ersatz-Posten (weil der präzise Investitions-Posten fehlt, etwa bei Ford), zählt sie höchstens als halbes Signal und trägt den Vermerk „Näherung“. Fehlt die Gattungs-Kennzahl ganz, wird ersatzweise das geglättete Ergebnis geprüft — ebenfalls höchstens halb. Und der Verschuldungsgrad warnt nie für sich allein: Er wirkt ausschließlich als Schutzsignal mit halber Stärke, wenn ein Titel deutlich unter dem Median seiner eigenen Branche liegt und zugleich absolut niedrig verschuldet ist — eine feste Schwelle über alle Branchen würde mehr vortäuschen als messen, denn üblich ist bei Industrie etwa 0,5 und bei Versorgern 1,2.

8. Kalibrierungsstand

Die acht Gewichte sind fachlich gesetzt, nicht aus Daten gefittet. Kalibriert sind ausschließlich die drei Schwellen. Wenige freie Parameter sind der Grund, warum der Auslassungstest kaum abfällt — sie sind aber auch der Grund, warum die Gewichte bisher unbelegt sind.

Die Rückkopplung dafür läuft seit dem 30.07.2026: Jede Kürzung im Archiv ist ein bestätigter Ausgang, aus dem sich Präzision je Signaltyp, Recall und Vorlauf messen lassen — über alle rund 1.200 überwachten Titel, nicht nur über ein Musterdepot.

Belastbar wird das ab etwa zehn bestätigten Kürzungen. Bis dahin gibt die Auswertung bewusst keine Quoten aus. Eine Trefferquote aus drei Fällen ist eine Zufallszahl.

Änderungen an den Gewichten werden nicht automatisch übernommen. Jede bleibt eine Entscheidung mit Datum und Begründung — sonst wäre die offengelegte Kalibrierung nichts mehr wert.

9. Selbst nachprüfen

Der Signal-Archiv-Eintrag zu jeder Warnung trägt Zeitstempel, Quelle und Prüfsumme; die Kette rechnet dein Browser selbst nach. Die Backtest-Zahlen dieser Seite stammen aus zwei Skripten, die im Projekt liegen und sich ohne uns ausführen lassen: harness-oos.mjs für Präzision, Recall und Unschärfe, grundrate.mjs für die Übersetzung auf echte Grundraten.

Stand 30.07.2026. Analyse-Werkzeug, keine Anlageberatung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf. Wer aufgrund einer Warnung handelt, entscheidet selbst.

Risiko-Radar — Methodik und Trefferquote